Krankenhäuser in der Krise: Mehr als die Hälfte der Kliniken schreibt 2024 rote Zahlen
„Krankenhaus Rating Report 2025“ zeigt historisch angespannte wirtschaftliche Lage – Reformmaßnahmen reichen laut Experten nicht aus
Die wirtschaftliche Situation deutscher Krankenhäuser hat sich weiter verschärft: Im Jahr 2024 werden voraussichtlich 56 Prozent der Kliniken ein negatives Jahresergebnis vorlegen. Auch die Liquiditätslage vieler Einrichtungen ist dramatisch – bei der Hälfte der Kliniken reichen die Finanzmittel gerade einmal zwei Wochen. Das sind zentrale Ergebnisse des am 26. Juni vorgestellten „Krankenhaus Rating Reports 2025“, der im Rahmen des Hauptstadtkongresses präsentiert wurde.
Der Report, erstellt vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, der Institute for Healthcare Business GmbH (hcb) und der Bank im Bistum Essen (BIB), liefert ernüchternde Erkenntnisse: Die wirtschaftliche Lage ist angespannt wie nie zuvor seit Beginn der Zeitreihe. Zwar erkennt der Bericht in der Krankenhausreform erste positive Ansätze, diese reichen jedoch nach Ansicht der Autoren nicht aus, um das System nachhaltig zu stabilisieren.
Wirtschaftlicher Status quo: Verluste, Personalkosten, Liquiditätsengpässe
Im Jahr 2023 wiesen 43 Prozent der Krankenhäuser Verluste aus – ein Anstieg gegenüber 22 Prozent im Jahr 2020. Die EBITDA-Marge fiel erstmals ins Negative, das durchschnittliche Jahresergebnis sank auf –0,2 Prozent. 2024 droht sich diese Entwicklung zuzuspitzen: Über die Hälfte der Kliniken dürfte erneut Verluste schreiben. Alarmierend ist auch die geringe finanzielle Widerstandsfähigkeit: Bei jeder zweiten Klinik reicht die Liquidität nur noch für zwei Wochen.
Obwohl die Fallzahlen 2023 um 2,4 Prozent anstiegen (der höchste Zuwachs seit Einführung der DRGs 2004), bleibt die Zahl unter dem Vorkrisenniveau von 2019. 2024 lag das Fallzahlwachstum nur bei 0,8 Prozent – durch 300.000 Hybrid-DRGs aber faktisch bei 2,5 Prozent.
Trotz eines Anstiegs der Investitionsförderung auf knapp 3,9 Milliarden Euro reicht diese nicht aus, um den Substanzverzehr – vor allem in Ostdeutschland – zu stoppen. Private und freigemeinnützige Häuser schneiden im Vergleich besser ab als öffentliche Kliniken. Auffällig: Kliniken in Bayern und Baden-Württemberg schneiden im Ländervergleich wirtschaftlich am schlechtesten ab.
Gleichzeitig sank die Produktivität deutlich: 2023 wurden 16 Prozent mehr Vollzeitkräfte pro Fall eingesetzt als 2019 – bei rückläufiger Fallzahl. Der Anteil von Teilzeitbeschäftigten, insbesondere im ärztlichen Bereich, ist seit Jahren stark gestiegen.
Prognose: Einmalhilfen reichen nicht – Strukturreformen bleiben zentral
Die Projektionen im Report differenzieren zwischen einem Basisszenario (nur KHVVG) und einem Szenario auf Basis des Koalitionsvertrags. Demnach könnten zeitlich befristete Hilfen (2,5 Milliarden Euro 2025 und 1,5 Milliarden Euro 2026) die Zahl der Kliniken mit Jahresverlusten kurzfristig auf 23 Prozent drücken. Ohne strukturelle Anpassung würde dieser Anteil jedoch bis 2030 wieder auf 34 Prozent steigen.
Reformforderungen: Ambulantisierung, Budgetmodelle, Eigenbeteiligung
Der Report fordert eine grundlegende Systemerneuerung:
- Einführung eines Primärarztsystems, unterstützt durch die elektronische Patientenakte
- Stärkere Ambulantisierung, auch durch Hybrid-DRGs
- Sektorübergreifende Budgetmodelle und mehr Gestaltungsfreiheit vor Ort
- Eigenständige Rolle der Pflege mit eigenem Vergütungssystem
- Reduktion unnötiger Bürokratie und vereinfachte Baugenehmigungsverfahren nach dem Modell der LNG-Terminals
- Eigenbeteiligung der Patienten, sozial abgefedert
- Innovationsräume zum Test neuer Versorgungsansätze
- Einführung eines Gesundheitssicherstellungsgesetzes zur Krisenvorsorge




