Krankenhaus Rating Report 2026: „Flucht nach vorne“ in Zeiten historischer Umbrüche

Neue RWI-Analyse prognostiziert massive Verlustwelle ab 2027 – Ohne drastische Kostensenkungen droht rund 400 Standorten das Aus

Trotz eines kontinuierlichen Umsatzwachstums im deutschen Gesundheitsmarkt auf 538 Milliarden Euro im Jahr 2024 (12,4 Prozent des BIP) bleibt die wirtschaftliche Substanz der deutschen Krankenhäuser akut gefährdet. Wie die zweiundzwanzigste Ausgabe des „Krankenhaus Rating Report 2026“ mit dem Titel „Flucht nach vorne“ zeigt, schrieb im Jahr 2024 die Hälfte aller Kliniken einen Jahresverlust. Das durchschnittliche Jahresergebnis rutschte auf minus 0,6 Prozent der Erlöse ab, während die Insolvenzwahrscheinlichkeit auf einen historischen Höchstwert von 2,2 Prozent kletterte. Der am 25. Juni auf dem „Hauptstadtkongress 2026 – Medizin und Gesundheit“ präsentierte Report wurde vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und der hcb GmbH in Kooperation mit der Bank im Bistum Essen, der Ecclesia und der Solidaris Revisions-GmbH erstellt.

Obwohl für die Jahre 2025 und 2026 – auch gestützt auf Daten von Solidaris – mit einer temporären ökonomischen Erholung gerechnet wird, bleibt die Liquiditätssituation kritisch: Bei der Hälfte der Häuser reichen die Barreserven für weniger als anderthalb Wochen aus. Ab 2027 droht zudem eine massive Verschärfung: Die geplanten Erlöskürzungen des GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes (GKV-BStabG) – insbesondere durch den Wegfall des 3,25-prozentigen Rechnungsaufschlags – dürften den Anteil der Defizithäuser schlagartig auf 60 Prozent treiben und bis 2030 auf 68 Prozent ansteigen lassen. Die Umsatzrendite des Sektors würde auf etwa -2 Prozent fallen. Um insolvenzbedingte Schließungen zu vermeiden, müssten Kliniken ihre Personalkosten (außerhalb der Pflege) bis 2030 um 8 bis 9 Prozent senken. Gelingt dies nicht, identifizieren die Autoren rund 400 Standorte als mittelfristig akut schließungsgefährdet, was für weitere 5,2 Prozent der Bevölkerung die Anfahrtswege zu einem Allgemeinkrankenhaus auf über 30 Minuten verlängern würde.

Ein zentrales strukturelles Problem bleibt der erhebliche Produktivitätsrückgang. Im Jahr 2024 wurde erstmals die Grenze von einer Million Vollzeitkräften überschritten (ein Plus von 9,3 Prozent gegenüber 2019), während die stationären Fallzahlen im selben Zeitraum um 9,6 Prozent sanken. Daraus resultiert ein Rückgang der Fälle je Vollkraft um rund 20 Prozent. Zudem geraten die öffentlich-rechtlichen Kliniken zunehmend unter Druck: Während sie in den Vorjahren Defizite über kommunale Träger ausgleichen konnten, rutschen die Kommunalfinanzen nun flächendeckend ab. Laut Report weisen bereits 22 Prozent der kommunalen Kliniken eine so hohe Träger-Schuldenlast auf, dass die dauerhafte Betriebsfortführung gefährdet ist.

Die Autoren fordern daher dringend mehr unternehmerische Gestaltungsfreiheit und eine Abkehr von starren Strukturvorgaben wie den abteilungsbezogenen Pflegepersonaluntergrenzen (PPUG). Stattdessen müsse eine strikte Ergebnisorientierung und ein radikaler Bürokratieabbau (z. B. beim Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz) erfolgen. Um den anstehenden Transformationsprozess der Länder zu forcieren, schlägt der Report zudem vor, den im Oktober 2026 auslaufenden Rechnungsaufschlag in einen Strukturzuschlag umzuwandeln, der an die Erreichung einer günstigeren regionalen Bettendichte gekoppelt ist.

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