Neurologische Erkrankungen verursachen höchste Krankheitskosten – auch in Deutschland

DGN kritisiert ICD-Zuordnung und fordert stärkere Prävention

Neurologische Erkrankungen haben international die höchste Krankheitslast – und nach Berechnungen der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) auch in Deutschland. Darauf verweist die Fachgesellschaft unter Bezug auf die „Global Burden of Disease 2021“-Studie sowie aktuelle Krankheitskostendaten des Statistischen Bundesamts. Nach Einschätzung der DGN wird die Bedeutung neurologischer Erkrankungen hierzulande jedoch statistisch unterschätzt – unter anderem aufgrund historisch gewachsener ICD-Zuordnungen.

Eine im November 2025 publizierte Analyse (1) der „Global Burden of Disease 2021“-Studie zeigt, dass in den USA 180,3 Millionen von 332,7 Millionen Menschen an Erkrankungen des Nervensystems leiden. Zudem seien neurologische Erkrankungen dort die häufigste Ursache für Behinderungen. In den deutschen Krankheitskostenstatistiken erscheinen neurologische Erkrankungen hingegen nicht unter den fünf kostenintensivsten Krankheitsgruppen (2)

ICD-System verzerrt statistische Zuordnung

Als Grund für diese Diskrepanz nennt die DGN die Klassifikation nach ICD-10. So würden in Deutschland zentrale neurologische Erkrankungen mit hohen Fallzahlen nicht der Neurologie zugeordnet.

Beispiel Schlaganfall: Zerebrovaskuläre Erkrankungen (ICD-10 I60–I69) werden als Krankheiten des Kreislaufsystems klassifiziert. „Physiologisch ist das zwar nicht falsch, aber im Hinblick auf die Zuordnung zu den zuständigen medizinischen Disziplinen schon“, erklärt Prof. Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der DGN. Schlaganfälle würden in spezialisierten neurologischen Stroke Units behandelt.

Auch Demenzerkrankungen werden in der ICD-Systematik überwiegend als F-Diagnosen (ICD-10 F00–F03) dem Bereich „Psychische und Verhaltensstörungen“ zugeordnet. Zwar existiere mit ICD-10 G30 eine neurologische Diagnose für Alzheimer, diese werde jedoch vergleichsweise selten kodiert. Während Demenzen laut Destatis mit 21,5 Milliarden Euro zu Buche schlagen, entfallen auf die Diagnose Alzheimer lediglich 1,49 Milliarden Euro. Dabei verursache die Alzheimer-Krankheit etwa drei Viertel aller Demenzfälle.

Addierte Krankheitskosten: Neurologie an der Spitze

Rechnet man die neurologischen ICD-10-G-Diagnosen (G00–G99) mit Schlaganfällen (I60–I69) und Demenzerkrankungen (F00–F03) zusammen, ergibt sich für das Jahr 2023 laut DGN folgendes Bild:

  • 26,8 Mrd. Euro: Krankheiten des Nervensystems (G00–G99)
  • 21,52 Mrd. Euro: Demenzen (F00–F03)
  • 16,54 Mrd. Euro: Zerebrovaskuläre Erkrankungen (I60–I69)

Insgesamt summieren sich die Kosten damit auf 64,86 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Krankheiten des Kreislaufsystems verursachten laut Destatis 64,6 Milliarden Euro (inklusive zerebrovaskulärer Erkrankungen), psychische und Verhaltensstörungen 63,3 Milliarden Euro und Neubildungen 47,6 Milliarden Euro.

Nach Einschätzung der DGN wären neurologische Erkrankungen damit – analog zur internationalen Datenlage – auch in Deutschland führend bei den Krankheitskosten oder zumindest unter den Top drei.

Forderung nach stärkerer Prävention

DGN-Präsidentin Prof. Dr. Daniela Berg betont, dass es nicht um Konkurrenz zwischen Fachdisziplinen gehe. „Uns geht es nicht darum, mit anderen Bereichen zu konkurrieren, wir sind interdisziplinäre ‚Teamplayer‘.“ Allerdings führe die kodierungsziffergesteuerte Statistik dazu, dass die Bedeutung der Neurologie von Politik, Kostenträgern und Öffentlichkeit unterschätzt werde.

Vor diesem Hintergrund fordert die Fachgesellschaft ein stärkeres Engagement in der neurologischen Prävention. „Neurologische Erkrankungen belasten das Gesundheitssystem erheblich, ein Großteil kann aber verhindert werden. Neurologische Präventionsmaßnahmen sind angesichts der Zahlen längst kein ‚nice to have‘ mehr, sondern ein ‚must have‘.“

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