DispoAkut-Studie Ansbach: Ambulante Steuerung von Akutpatienten ist möglich, aber stark von regionalen Strukturen abhängig
Abschlussbericht zur Weiterleitung weniger dringlicher Notaufnahmefälle in die vertragsärztliche Versorgung
Der Abschlussbericht der DispoAkut-Studie am ANregiomed Klinikum Ansbach bestätigt grundsätzlich die Machbarkeit einer strukturierten Weiterleitung akut, aber nicht notfallmäßig erkrankter Patientinnen und Patienten aus der Notaufnahme in die ambulante vertragsärztliche Versorgung. Gleichzeitig zeigt die Untersuchung deutliche Grenzen der Entlastungswirkung unter Alltagsbedingungen im ländlichen Raum auf.
Autoren: Johannes Hagelskamp M.A., Dr. rer. medic. Sarah Oslislo, Dr. med. Sebastian Carnarius, Dr. rer. pol. Dominik von Stillfried
Ausgangspunkt der Studie ist die anhaltend hohe Auslastung deutscher Notaufnahmen, die unter anderem durch eine steigende Zahl ambulanter Behandlungsanlässe geprägt ist. Diese Fälle tragen zwar nicht allein zum sogenannten Crowding bei, stellen aber eine vermeidbare Zusatzbelastung dar, die sich negativ auf Versorgungsprozesse und Patientensicherheit auswirken kann. Vor dem Hintergrund bislang fehlender verbindlicher gesetzlicher Regelungen zur Ersteinschätzung und Patientensteuerung untersucht DispoAkut, ob und wie Akutpatienten systematisch in die vertragsärztliche Versorgung vermittelt werden können.
Am Standort Ansbach erfolgte die Ersteinschätzung der Patientinnen und Patienten mittels Manchester Triage System (MTS) und SmED, ergänzt durch eine digitale Zuweisung in Kooperationspraxen über IVENA eHealth. Von insgesamt 311 teilnahmebereiten Patienten konnten aufgrund begrenzter Kapazitäten der beteiligten Kooperationspraxen lediglich 82 in die Studie eingeschlossen werden. Für 72 dieser Patienten sprach SmED eine Empfehlung zur vertragsärztlichen Versorgung aus. In der Folge gelang in 68 Fällen eine erfolgreiche Vermittlung in eine Kooperationspraxis. Ein weiterer Patient wurde trotz SmED-Empfehlung für die Notaufnahme ambulant weitergeleitet und dort abschließend versorgt.
Die Rückmeldungen der Kooperationspraxen zeigen, dass 85,7 Prozent der weitergeleiteten Patienten abschließend ambulant behandelt werden konnten. Weitere Patienten verblieben in der vertragsärztlichen Versorgung, erhielten jedoch Überweisungen an andere Fachrichtungen. Lediglich ein Einzelfall führte zu einer erneuten Einweisung in die Notaufnahme für eine geplante operative Versorgung. Hinweise auf eine Gefährdung der Patientensicherheit ergaben sich nicht.
Die Autoren betonen jedoch, dass die in Ansbach beobachtete geringe Entlastungswirkung der Notaufnahme nicht als Ausdruck mangelnder Steuerungsfähigkeit zu interpretieren ist. Vielmehr spiegeln die Ergebnisse vor allem die eingeschränkte Verfügbarkeit geeigneter Kooperationspraxen sowie studienbedingte Ausschluss- und Dokumentationseffekte wider. Eine isolierte Bewertung des Standorts sei daher nicht sachgerecht. Erst im Vergleich mit anderen DispoAkut-Studienstandorten werde das Potenzial deutlich.
So zeigten die Studien in Rosenheim, Berlin-Friedrichshain und Berlin-Köpenick, dass rund 90 Prozent der eingeschlossenen Patienten erfolgreich in Kooperationspraxen weitergeleitet und dort überwiegend abschließend versorgt werden konnten. Auch an diesen Standorten traten keine patientengefährdenden Verläufe auf. Unterschiede zwischen den Regionen zeigten sich insbesondere bei den Beschwerdebildern und der fachärztlichen Ausrichtung der Kooperationspraxen. Während in Ansbach überwiegend orthopädisch-unfallchirurgische Praxen angesteuert wurden, spielten an urbanen Standorten allgemeinmedizinische Praxen eine größere Rolle.
Der Abschlussbericht kommt zu dem Ergebnis, dass eine ambulante Steuerung weniger dringlicher Akutpatienten unter Nutzung digitaler Ersteinschätzung und Echtzeit-Zuweisung grundsätzlich umsetzbar ist. Für eine relevante Entlastung der Notaufnahmen seien jedoch ausreichende kurzfristige Terminangebote in der ambulanten Versorgung sowie eine stärkere Einbindung der Kassenärztlichen Vereinigungen erforderlich. Insbesondere im ländlichen Raum stelle die Rekrutierung geeigneter Kooperationspraxen eine zentrale Herausforderung dar.
Perspektivisch sehen die Autoren zusätzliche Potenziale in der digitalen Terminbuchung sowie in einer vorgelagerten Patientensteuerung, etwa durch eine stärkere Nutzung der 116117. Die Ergebnisse liefern damit wichtige empirische Hinweise für die geplanten Integrierten Notfallzentren (INZ) und die weitere Ausgestaltung einer bundesweiten Notfallreform.




