Intensivmedizin unter Druck: DIVI-Umfrage zeigt hohe Abwanderungsbereitschaft im Personal

Mehr als jede zweite Fachkraft in der Intensivmedizin denkt über Ausstieg nach

Die Personalsituation in der Intensivmedizin in Deutschland bleibt angespannt und könnte sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen. Eine bundesweite Umfrage der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) zeigt nun, dass mehr als die Hälfte der befragten Intensivfachkräfte entweder bereits einen Ausstieg plant oder sich hierzu unsicher äußert.

An der Erhebung beteiligten sich rund 1.200 bzw. 1.243 Beschäftigte aus ärztlichen, pflegerischen und therapeutischen Berufsgruppen. Lediglich 45,4 Prozent der Teilnehmenden gaben an, sicher in der Intensivmedizin bleiben zu wollen. 23,2 Prozent planen einen Ausstieg innerhalb der nächsten drei Jahre, weitere 31,2 Prozent sind unentschlossen. Damit ergibt sich ein potenzielles Abwanderungsrisiko von über 50 Prozent des befragten Personals.

Die Studie der Jungen DIVI, veröffentlicht unter dem Titel „Stay or leave? Retention factors in intensive care medicine from a multiprofessional cross-sectional nationwide survey in Germany“ im Journal of Critical Care, zählt zu den umfangreichsten aktuellen Untersuchungen zur Situation in der Intensivversorgung in Deutschland.

Arbeitsbedingungen als zentraler Einflussfaktor

Als zentrale Einflussgrößen für die Verbleibsentscheidung identifizieren die Forschenden vor allem Arbeitszufriedenheit und familienfreundliche Rahmenbedingungen. Diese Faktoren zeigten in der Analyse eine signifikante Verbindung zur Bleibebereitschaft. Während finanzielle Aspekte in der Befragung eine geringere Rolle spielten, wurden insbesondere Teamklima, Führungskultur und verlässliche Arbeitsstrukturen als entscheidend beschrieben.

Die Studienautoren betonen, dass insbesondere die Gruppe der Unentschlossenen ein großes Potenzial für den langfristigen Erhalt der Versorgung darstelle. Rund 31,2 Prozent der Befragten könnten unter veränderten Bedingungen weiterhin in der Intensivmedizin verbleiben.

Als konkrete Ansatzpunkte nennen die Ergebnisse unter anderem weniger belastende Schichtmodelle, eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie strukturierte Karriere- und Entwicklungsperspektiven. Auch regelmäßige Mitarbeitergespräche und eine stärkere Einbindung in Team- und Entscheidungsprozesse werden als wirksam beschrieben.

Warnsignal für die Versorgungssicherheit

Vertreter der DIVI werten die Ergebnisse als deutliches Warnsignal für das Gesundheitssystem. Ein erheblicher Teil des intensivmedizinischen Personals sei demnach potenziell gefährdet, mittelfristig aus dem Beruf auszusteigen. Dies könne sich unmittelbar auf die Versorgungsfähigkeit von Intensivstationen auswirken.

Gleichzeitig wird betont, dass viele der identifizierten Einflussfaktoren organisatorisch beeinflussbar seien und nicht zwingend hohe zusätzliche Kosten verursachten. Vielmehr gehe es um Arbeitsorganisation, Führungskultur und strukturelle Verbesserungen im klinischen Alltag.

Vor dem Hintergrund anhaltender Reformdebatten im Gesundheitswesen wird die Studie als weiterer Hinweis auf die hohe Bedeutung von Personalbindung und Arbeitsbedingungen in der stationären Versorgung eingeordnet. Ohne gezielte Gegenmaßnahmen droht nach Einschätzung der Fachgesellschaft eine weitere Verschärfung der Personalengpässe in der Intensivmedizin.

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