Massive Verstöße der Unikliniken gegen Vorschriften zur Arbeitszeiterfassung laut Marburger Bund

Bundesweite Umfrage offenbare massive Verstöße gegen Zeiterfassungsvorgaben – Ärzteschaft klagt über nicht erfasste Überstunden und fehlenden Arbeitsschutz

Eine neue Umfrage des Marburger Bundes deckt gravierende Verstöße gegen tarifvertragliche Vorgaben zur Arbeitszeiterfassung an deutschen Universitätskliniken auf. Demnach sollen bei rund 83 Prozent der Ärztinnen und Ärzte keine manipulationssichere, elektronische Zeiterfassung nach dem tariflich vereinbarten Stechuhr-Prinzip eingesetzt sein – obwohl dies laut Tarifvertrag TV-Ärzte (TdL) zwingend vorgeschrieben ist.

An der vom 31. März bis 23. April 2025 durchgeführten Online-Erhebung nahmen rund 3.500 angestellte Ärztinnen und Ärzte an den tarifgebundenen Unikliniken teil. Hochgerechnet betreffe das Problem rund 20.000 Ärztinnen und Ärzte. Ausgenommen von der Erhebung sind die Kliniken in Berlin, Hamburg, Hessen und Mainz, da dort abweichende Regelungen gelten.

Lediglich 17 Prozent der Befragten gaben an, dass ihre Arbeitszeit elektronisch und manipulationssicher über ein Zeiterfassungsterminal erfasst wird – also so, wie es der Tarifvertrag verlangt. Die große Mehrheit dokumentiere die Arbeitszeit hingegen nur digital im Dienstplan (62 Prozent) oder händisch, etwa in Excel-Listen (17 Prozent). Bei mehr als 4 Prozent erfolgt gar keine Zeiterfassung.

Etwa 75 Prozent der befragten Ärztinnen und Ärzte müssen geleistete Überstunden nachträglich durch Vorgesetzte genehmigen lassen – eine Hürde, die oft zur Nichtanerkennung führt. 60 Prozent berichten, dass ihnen wöchentlich bis zu zehn Stunden an Mehrarbeit nicht angerechnet werden. Jede*r Zehnte spricht sogar von zehn oder mehr unbezahlten Stunden pro Woche, was bis zu 500 Stunden im Jahr bedeuten kann.

„Es ist ein Skandal, dass die große Mehrheit der Unikliniken mutwillig gegen die tarifvertraglichen Vorschriften verstößt“, kritisiert Dr. Susanne Johna, 1. Vorsitzende des Marburger Bundes. Sie spricht von einer „Manipulation mit System“, bei der Arbeitszeit systematisch unsichtbar gemacht und damit nicht vergütet werde. Das sei nicht nur ein Verstoß gegen geltendes Recht, sondern auch ein massiver Affront gegenüber der Ärzteschaft. Johna kündigte an: „Im Interesse unserer Mitglieder werden wir gegen diesen Rechtsbruch vorgehen. Verträge sind einzuhalten!“

Auch Dr. Andreas Botzlar, 2. Vorsitzender des Marburger Bundes, sieht die derzeitige Praxis als gefährlich an – nicht nur für die Beschäftigten, sondern auch für die Patienten. „Nur mit einer lückenlosen, elektronischen Zeiterfassung lassen sich gesetzliche Höchstgrenzen und Ruhezeiten verlässlich kontrollieren. Das ist kein Detail, sondern aktiver Gesundheitsschutz.“

Weitere Informationen und die detaillierte Auswertung der Umfrage sind auf der Website des Marburger Bundes abrufbar: www.marburger-bund.de/arbeitszeitenwende