Hitzewelle bringt Kliniken in NRW und Rheinland-Pfalz an Grenzen

Marburger-Bund-Umfrage sieht Patientensicherheit gefährdet – Ärzte berichten von Übersterblichkeit und gravierenden Versorgungsproblemen

Die extreme Hitzewelle Ende Juni 2026 hat zahlreiche Krankenhäuser in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz erheblich belastet. In einer Befragung des Marburger Bundes NRW/RLP unter mehr als 1.000 Klinikärztinnen und -ärzten bewerteten 70,9 Prozent die Patientensicherheit während der Hitze als mangelhaft oder unzureichend. Berichtet wird zudem von schweren Zwischenfällen und einer auffälligen Zahl hitzeassoziierter Todesfälle.

Die Ergebnisse der vom 9. bis 29. Juli 2026 durchgeführten Befragung zeigen nach Angaben des Marburger Bundes erhebliche Defizite beim Hitzeschutz in den Krankenhäusern. Bezugspunkt war die extreme Hitzeperiode mit ihrem Höhepunkt vom 26. bis 28. Juni.

Während im normalen Klinikbetrieb lediglich 5,5 Prozent der Befragten die Patientensicherheit als mangelhaft oder unzureichend einschätzen, waren es während der Hitzewelle 70,9 Prozent. 58 Prozent berichteten von einer zeitweise konkret gefährdeten Patientensicherheit. Nach Einschätzung von 53,8 Prozent konnte die Versorgung zumindest teilweise nur durch Improvisation oder glückliche Umstände aufrechterhalten werden.

„Hitzeschutz im Krankenhaus ist keine Komfortfrage, sondern eine Frage der Patientensicherheit und des Arbeitsschutzes“, erklärte Dr. Hans-Albert Gehle, Vorsitzender des Marburger Bundes NRW/RLP.

Patientenzimmer vielfach ohne wirksame Kühlung

Besonders problematisch waren die Temperaturen innerhalb der Klinikgebäude. 64,7 Prozent der befragten Ärzte arbeiteten demnach bei Temperaturen von mehr als 30 Grad Celsius, 17,5 Prozent sogar bei mehr als 35 Grad. 83,3 Prozent gaben an, dass Patientenzimmer auf Normalstationen nicht wirksam gekühlt werden konnten.

In den Freitextantworten schilderten Ärzte einen wiederkehrenden „Drehtür-Effekt“ zwischen Normal- und Intensivstationen. Patienten seien auf klimatisierten Intensivstationen stabilisiert und anschließend auf überhitzte Normalstationen verlegt worden. Teilweise habe sich ihr Zustand dort erneut verschlechtert, sodass eine Rückverlegung auf die Intensivstation notwendig geworden sei.

Daneben berichten Teilnehmer von fehlenden Coolpacks, Kühlmatten und anderen Kühlmöglichkeiten. Teilweise sei mit nassen Bettlaken improvisiert worden. Ventilatoren seien nicht überall verfügbar oder aus Brandschutz- beziehungsweise Hygienegründen untersagt gewesen.

Auch die Notaufnahmen gerieten nach den Ergebnissen der Befragung unter Druck. 19,9 Prozent berichteten von mehrfachen oder täglichen Abmeldungen von der Notfallversorgung. In einzelnen Schilderungen ist von stark überlasteten Zentralen Notaufnahmen, langen Wartezeiten in überhitzten Räumen und einer Versorgung von Patienten in Rettungswagen die Rede.

Ärzte berichten von Todesfällen und schweren Zwischenfällen

Besonders auffällig sind die Angaben zur Mortalität. Von 546 systematisch ausgewerteten Freitextantworten enthielten 66 beziehungsweise zwölf Prozent Hinweise auf Todesfälle oder eine erhöhte Sterblichkeit im Zusammenhang mit der Hitze. Nach Todesfällen war in der Befragung ausdrücklich nicht gefragt worden.

Darüber hinaus wurden in 57 Einzelfallschilderungen schwere medizinische Zwischenfälle beschrieben, darunter Hitzschläge mit Körpertemperaturen von mehr als 41 oder 42 Grad, Reanimationen, Delirien sowie Verlegungen zwischen Normal- und Intensivstationen. In einzelnen Krankenhäusern seien Bereiche geschlossen oder Patienten evakuiert worden.

Der Marburger Bund weist ausdrücklich darauf hin, dass es sich dabei um Beobachtungen und Einschätzungen der befragten Ärzte und nicht um eine validierte Todesursachenstatistik handelt. Die Befragung ist zudem keine repräsentative Zufallsstichprobe.

Probleme wurden auch bei Arzneimitteln und Medizintechnik gemeldet. Einzelne Ärzte berichteten von überhitzten Medikamentenräumen, unterbrochenen Kühlketten sowie dem Ausfall von Medizintechnik, IT- und Laborsystemen infolge hoher Temperaturen beziehungsweise ausgefallener Klimaanlagen.

Hitzewelle belastete auch das Klinikpersonal

Die Belastung traf zugleich die Beschäftigten. 61,1 Prozent der Befragten sahen ihre eigene Gesundheit während der Hitze als gefährdet oder beeinträchtigt an. 52,1 Prozent gaben an, körperliche Warnsymptome bewusst ignoriert und weitergearbeitet zu haben.

Gleichzeitig waren nach Angaben von 77,2 Prozent die Personal- und Arbeitsräume nicht wirksam gekühlt. Zusätzliche Personalbesetzungen gab es lediglich bei 3,9 Prozent, besondere Pausenregelungen bei 1,4 Prozent der Befragten.

Auch bei der grundsätzlichen Vorbereitung der Krankenhäuser fällt das Urteil deutlich aus: 84,2 Prozent hielten ihre Klinik organisatorisch nicht ausreichend auf die Hitzewelle vorbereitet. 83,1 Prozent sehen ihr Krankenhaus auch für eine vergleichbare künftige Hitzeperiode nicht ausreichend gerüstet.

Marburger Bund fordert Investitionen in Hitzeschutz

Aus den Ergebnissen leitet der Marburger Bund konkrete Forderungen ab. 93,3 Prozent der befragten Ärzte sprechen sich für eine bauliche und technische Kühlung sensibler Klinikbereiche wie Intensivstationen, Notaufnahmen und Patientenzimmer aus. 61 Prozent fordern verpflichtende Temperaturmessungen und deren Dokumentation in patientennahen Bereichen. 57,4 Prozent verlangen eine Refinanzierung notwendiger Hitzeschutzinvestitionen durch Bund und Länder.

Gehle fordert deshalb, den Hitzeschutz verbindlich in Krankenhausplanung und Investitionsfinanzierung zu integrieren. Neben klimatisierten patientennahen Bereichen seien Temperaturgrenzen, funktionierende Hitzeschutzpläne und ausreichende Personalreserven für Extremwetterlagen erforderlich.