Europäischer Gesundheitskongress München setzt auf Sprunginnovationen

Strategien, KI und Strukturreformen im Fokus eines zukunftsfähigen Gesundheitswesens

Der Europäische Gesundheitskongress München stand in 2025 unter dem Leitmotiv „Sprunginnovationen im Gesundheitswesen: Von Rückstand zur Zukunft“. Rund 900 Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor Ort sowie weitere 450 digital diskutierten an zwei Kongresstagen über die Transformation des Gesundheitswesens, die Rolle von Künstlicher Intelligenz, die Finanzierungsprobleme der gesetzlichen Krankenversicherung und die künftige Ausgestaltung der Krankenhauslandschaft. Der Kongress machte deutlich: Ohne klare Strategien, verlässliche Rahmenbedingungen und Mut zur Veränderung wird der Reformstau nicht aufzulösen sein.

Veranstalterin und Kongressleiterin Claudia Küng betonte, dass erfolgreiche Gesundheitsstrategien nicht von der Größe eines Landes abhingen, sondern von Konsequenz und Zielklarheit. „Wir haben in den zwei Tagen eindrucksvoll gesehen, dass nicht nur große Länder wie China, sondern auch kleine wie Ruanda erfolgreich sind, wenn sie klare und konsequente Strategie haben“, so Küng.

Digitalisierung und KI als Schlüsseltechnologien

Bereits in der Eröffnungsveranstaltung mahnte Prof. Daniel Rückert (TU München) mehr Tempo bei Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz an. Der Ausbau von Daten- und Digitalinfrastrukturen sowie die Stärkung von Kompetenzen und Translation seien zwingend notwendig. „Die Risiken, KI nicht einzusetzen, sind größer als die Risiken ihrer Einführung“, sagte Rückert. Auch Prof. Karlheinz Brandenburg (TU Ilmenau) erinnerte daran, dass Innovation Ausdauer, Mut und Durchhaltevermögen erfordert.

In mehreren Sessions wurde deutlich, dass KI künftig alle Phasen der Versorgung beeinflussen wird – von der Anamnese über Diagnostik bis zur Therapie. Prof. Sebastian Kuhn (Universitätsklinikum Gießen-Marburg) bezeichnete das Smartphone als „Stethoskop des 21. Jahrhunderts“ und forderte, KI als ärztliche Grundkompetenz in Aus- und Weiterbildung zu verankern.

Internationale Perspektiven und strategisches Handeln

Ein vielbeachteter Impuls kam aus Ruanda. Dr. Felix C. Seyfarth schilderte, wie das Land Gesundheit als Staatsziel versteht und Innovation strategisch fördert. „Zukunft ist keine Gnade, sondern eine Entscheidung, die Mut verlangt“, so Seyfarth. Für DAK-Vorstandschef Andreas Storm zeigt Ruanda vor allem eines: Entschlossenheit und eine klare Zukunftsvision. „Im Moment haben wir bei fast allen wichtigen Themen mehr Bremsklötze als Beschleuniger“, kritisierte Storm mit Blick auf Deutschland.

Finanzielle Schieflage der GKV und Reformbedarf

Storm zeichnete zudem ein deutliches Bild der angespannten Finanzlage der gesetzlichen Krankenversicherung. Viele Kassen seien bilanziell verschuldet, steigende Zusatzbeiträge seien absehbar. „Das politische Versprechen einer Beitragsstabilität ist nicht haltbar.“ Ohne Strukturreformen drohe langfristig ein Beitragssatz von über 20 Prozent. AOK-Bayern-Chefin Dr. Irmgard Stippler ergänzte, dass Versicherte steigende Beiträge bei gleichzeitig eingeschränktem Zugang zur Versorgung zunehmend als ungerecht empfänden.

Krankenhausreform, Ambulantisierung und Planungssicherheit

Die Transformation der Krankenhauslandschaft war eines der dominierenden Themen. Johanna Sell (Bundesministerium für Gesundheit) stellte in Aussicht, dass das Krankenhausanpassungsgesetz zum 1. März 2026 in Kraft treten könnte. Ziel sei Planungssicherheit und eine Beruhigung der Umbruchphase. Gleichzeitig appellierte sie an Länder und Kliniken, Ausnahmeregelungen mit Augenmaß zu nutzen.

Vertreter aus Klinikmanagement und Wissenschaft forderten vor allem stabile Vergütungs- und Rahmenbedingungen. Dr. Tim-Oliver Guderjahn (München Klinik) brachte es auf den Punkt: „Legt endlich die Spielregeln fest und ändert sie nicht ständig. Ich möchte endlich planen können.“ Auch die Ambulantisierung könne nur gelingen, wenn Vergütungsniveaus gehalten und Investitionen ermöglicht würden.

Innovationen zwischen Projekt und Regelversorgung

Mehrere Beiträge thematisierten die Schwierigkeiten, Innovationen aus Pilotprojekten in die Regelversorgung zu überführen. Vertreter von Krankenkassen, Start-ups und Industrie kritisierten regulatorische Hürden und fehlende Anreizsysteme. „Projekterfolg ist kein Innovationserfolg“, stellte Prof. Martin Dietrich (BMG) klar. Entscheidend sei, erfolgreiche Ansätze nachhaltig in die Versorgung zu integrieren.

Fazit des Kongresses

Der Europäische Gesundheitskongress München machte deutlich, dass das deutsche Gesundheitswesen vor tiefgreifenden strukturellen Entscheidungen steht. Ob KI, Krankenhausreform, GKV-Finanzierung oder Ambulantisierung – ohne klare Zielbilder, strategische Steuerung und verlässliche Rahmenbedingungen droht weiterer Stillstand. Gleichzeitig zeigte der Kongress zahlreiche Beispiele, dass Innovation und Transformation möglich sind, wenn Politik, Selbstverwaltung und Leistungserbringer gemeinsam handeln.