Gastbeitrag

Die KI sagt die Wiederaufnahme voraus – aufgehalten hat sie noch keine

„Darf ich das jetzt belasten?“

Diese Frage habe ich in fünfzehn Jahren Physiotherapie so oft gehört, dass ich sie im Schlaf beantworten könnte. Der Patient sitzt auf der Bank, frisch aus der Klinik, und weiß nicht, was er darf. Ich frage dann meistens: Hat Ihnen das im Krankenhaus niemand gesagt? Und die Antwort ist fast immer dieselbe. Doch, schon. Ich weiß es nur nicht mehr.

Ich erzähle das, weil wir gerade sehr viel über künstliche Intelligenz und Wiederaufnahmen reden. Und weil ich glaube, dass wir dabei die falsche Hälfte des Problems lösen.

Die Vorhersage funktioniert nämlich inzwischen richtig gut. InterSystems und andere rechnen aus den Falldaten aus, wer innerhalb von 30 Tagen wiederkommt. Moderne Modelle mit maschinell gelernten Merkmalen erreichen dabei eine AUC um 0,83, während die klassischen LACE-Scores bei 0,66 lagen [1]. Das ist ein echter Sprung, keine Marketingzahl.

Nur: Was passiert dann damit?

Meistens wird ein Risikoscore im System hinterlegt. Der Patient bekommt trotzdem seinen Entlassbrief, ein Blatt DIN A4, dazu ein Gespräch auf dem Flur zwischen Tür und Visite. Zuhause versorgt er die Wunde falsch, verwechselt zwei Medikamente, kommt zu spät zur Kontrolle. Das Modell hatte recht. Verhindert hat es nichts.

Wir haben also die Messseite hochgerüstet und die Kommunikationsseite gelassen, wie sie vor dreißig Jahren war.

Dass Patienten vergessen, ist dabei keine Vermutung. Der Neuropsychologe Roy Kessels hat die Studienlage zusammengetragen: Menschen vergessen bis zu 80 Prozent dessen, was ihnen medizinisch erklärt wird, und von dem Rest ist fast die Hälfte falsch erinnert [2]. Stress, Alter, Fachsprache, Angst. Ein Textblatt ändert daran wenig, denn das Problem ist nicht der fehlende Text. Es ist das fehlende Behalten.

Und hier liegt aus meiner Sicht der eigentliche Denkfehler im System, und der ist älter als jede KI.

Wir dokumentieren, dass aufgeklärt wurde. Wir messen nie, ob verstanden wurde. Das eine ist bequem zu erfassen, ein Häkchen, ein unterschriebenes Formular. Das andere wäre mühsam und ist deshalb nirgends abgebildet. Also optimieren wir das Häkchen. Ein Patient, der weiß, dass er die Schiene tragen soll, trägt sie deswegen noch lange nicht. Und einer, der sie tragen will, sich aber nicht mehr erinnert, wie lange, erst recht nicht.

Für das Controlling ist das kein weiches Thema. Kommt der Patient innerhalb der Fristen der Wiederaufnahmeregelung nach § 2 FPV zurück, werden beide Aufenthalte zu einem Fall zusammengeführt [3]. Das Haus wird für die zweite Aufnahme nicht erneut vergütet. Die vermeidbare Wiederaufnahme kostet also doppelt: den Patienten seine Genesung, das Haus seinen Erlös.

Was mich wirklich umtreibt: Die zweite Hälfte der Lösung ist gut belegt und wird trotzdem kaum genutzt. Bekommen Patienten ihre Entlassungsinformation als kurzes Video mit, steigt das Verständnis messbar. In einer randomisierten Untersuchung mit 436 Angehörigen sprang die korrekte Wiedergabe der Nachsorge von 59 auf 91 Prozent [4]. Eine Metaanalyse aus 19 randomisierten Studien im JAMA Network Open kommt für Kommunikationsmaßnahmen bei der Entlassung auf eine Wiederaufnahmerate von 9,1 gegenüber 13,5 Prozent, dazu eine höhere Therapietreue [5]. Bei einem Medikament würden wir bei diesem Effekt Champagner öffnen.

Wo ich ehrlich unsicher bin: Diese Studien sind oft klein, viele stammen aus Notaufnahmen und kaum eine aus dem deutschen DRG-Alltag. Die 59-auf-91-Prozent-Zahl etwa stammt aus der Pädiatrie und misst, was Eltern behalten. Ob ein Video bei der 82-Jährigen mit drei Diagnosen genauso wirkt wie bei der 30-Jährigen nach einem ambulanten Eingriff, weiß ich nicht. Ich vermute eher nicht.

Und nein, ein Video ersetzt kein Gespräch. Es ersetzt das Vergessen danach.

Der naheliegende Einwand: Erklärvideos gibt es doch längst, YouTube ist voll davon. Stimmt. Nur sucht die frisch operierte Patientin nicht nach einem allgemeinen Clip über Kniegelenke. Sie braucht ihren Eingriff, ihre Naht, ihre Tabletten, und zwar in dem Moment, in dem sie überfordert nach Hause fährt. Nicht drei Wochen später, wenn sie von selbst anfängt zu suchen.

Genau da könnte der Risikoscore endlich etwas tun. Nicht als Warnlampe, sondern als Auslöser. Wer als Risikofall markiert ist, bekommt seine Anleitung in einer Form, die hängen bleibt: zwei Minuten, sein Fall, die Wundversorgung einmal gezeigt statt beschrieben. Etwas, das er zuhause dreimal ansehen kann. Und die Tochter, die die Pflege übernimmt, gleich mit.

Technisch ist das heute keine große Sache mehr. Solche Clips lassen sich pro Fall erzeugen, in der Zeit, die früher ein Storyboard gekostet hat. Der Engpass ist nicht die Produktion. Er ist die Entscheidung, aus einer Vorhersage eine Handlung zu machen.

Vielleicht mache ich es mir zu einfach. Ich kenne den Druck auf den Stationen, die Personaldecke, die Freigabewege in der IT. Aber mir scheint, wir feiern gerade die Diagnose und lassen die Therapie liegen. Ein Modell, das weiß, wer zurückkommt, und ein System, das daran nichts ändert, ist ein teures Frühwarngerät, an das niemand einen Alarm angeschlossen hat.

Die KI hat ihren Teil erledigt. Der schwierigere Teil beginnt danach, an dem Punkt, an dem der Patient die Klinik verlässt und alles vergisst, was ihm jemand gesagt hat. Und der ist, ausnahmsweise, keine Frage der Rechenleistung.

ÜBER DEN AUTOR
Viktor Bossert hat über zehn Jahre als Physiotherapeut gearbeitet, zuletzt in der Schweiz, und dort vor allem Patienten nach Klinikaufenthalten behandelt. Heute führt er nexframe (med.nexframe.de), ein Studio für medizinische Visualisierung: Erklärvideos, Infografiken, 3D. Ihn beschäftigt die Frage, warum medizinische Information so selten dort ankommt, wo sie hin soll.

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