S3-Leitlinie zur Oberschenkelhalsfraktur stärkt interdisziplinäre Alterstraumatologie
DGOU und DGU erweitern Versorgungskonzept um systematische Behandlung von Begleiterkrankungen
Die neue S3-Leitlinie „Pertrochantäre Oberschenkelfrakturen“ soll die Versorgung älterer Patientinnen und Patienten mit hüftgelenknahen Oberschenkelbrüchen deutlich verbessern. Wie die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) mitteilt, steht künftig nicht mehr nur die operative Versorgung im Fokus, sondern verstärkt auch die systematische Mitbehandlung von Begleiterkrankungen. Ziel ist eine Senkung von Komplikationen und Mortalität durch standardisierte interdisziplinäre Behandlungsabläufe.
Die Versorgung von Altersfrakturen im Bereich des proximalen Oberschenkels zählt zu den zentralen Herausforderungen der alterstraumatologischen Medizin in Deutschland. Mit der neuen S3-Leitlinie „Pertrochantäre Oberschenkelfrakturen“ wurde nun ein umfassender evidenzbasierter Behandlungsstandard geschaffen, der die bisherige S2e-Leitlinie ablöst und die höchste methodische Qualitätsstufe erreicht.
Nach Angaben der Fachgesellschaften Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) sowie Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) liegt der Fokus der neuen Leitlinie auf einer erweiterten, interdisziplinären Behandlung. Neben der chirurgischen Frakturversorgung werden nun systematisch internistische, geriatrische und anästhesiologische Aspekte in das Behandlungskonzept integriert. Hintergrund ist die hohe klinische Relevanz von Begleiterkrankungen bei geriatrischen Patientinnen und Patienten, die maßgeblich den Behandlungserfolg beeinflussen.
Pertrochantäre Oberschenkelfrakturen gehören mit über 70.000 Fällen jährlich zu den häufigsten Frakturen im höheren Lebensalter in Deutschland. Die Mehrheit der Betroffenen ist über 70 Jahre alt. Bereits Bagatellstürze führen häufig zu diesen Verletzungen, da osteoporotische Veränderungen die Knochenstabilität deutlich reduzieren. Besonders kritisch ist dabei nicht allein die Fraktur selbst, sondern die hohe Rate an Folgekomplikationen, die sich insbesondere aus längerer Immobilität ergeben. Die 1-Jahres-Mortalität wird in der Literatur mit bis zu 29 Prozent angegeben, wobei sekundäre Komplikationen wie Pneumonien oder Harnwegsinfekte eine zentrale Rolle spielen.
Ein zentrales Element der Leitlinie ist die Betonung eines frühzeitigen operativen Eingriffs. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat hierzu bereits 2021 eine Vorgabe etabliert, wonach die operative Versorgung innerhalb von 24 Stunden nach Aufnahme erfolgen soll. Verzögerungen erhöhen nach aktuellem Kenntnisstand das Risiko für Komplikationen und Mortalität signifikant. Gleichzeitig wird in der Praxis häufig eine interdisziplinäre Abwägung notwendig, insbesondere bei Patientinnen und Patienten unter Antikoagulation, da hier perioperative Blutungsrisiken berücksichtigt werden müssen.
Die neue Leitlinie adressiert diese Problematik durch strukturierte Entscheidungsalgorithmen, unter anderem zur perioperativen Antikoagulationssteuerung sowie zur Implantatauswahl. Insgesamt wurden 66 evidenzbasierte Empfehlungen formuliert, die zu einem standardisierten klinischen Behandlungspfad zusammengeführt wurden. Ziel ist eine bundesweit einheitlichere Versorgungsqualität sowie eine Reduktion vermeidbarer Komplikationen.
Die Erstellung der Leitlinie wurde durch den Innovationsausschuss des Gemeinsamen Bundesausschusses gefördert und stellt einen weiteren Schritt in Richtung evidenzbasierter Alterstraumatologie dar.





