AWMF fordert klare ICD-11-Strategie und stärkere Semantik-Harmonisierung
Digitalisierung im Gesundheitswesen: Fachgesellschaft kritisiert fehlende Umsetzungstiefe der BfArM-Semantikstrategie
Die Ad-hoc-Kommission „Digitalisierung & KI in der Medizin“ der AWMF hat Stellung zur nationalen Semantikstrategie des BfArM genommen. Sie begrüßt grundsätzlich die geplante semantische Infrastruktur für das deutsche Gesundheitswesen, sieht jedoch erhebliche Lücken bei der Umsetzung internationaler Standards wie ICD-11 sowie bei der Interoperabilität bestehender Klassifikationssysteme.
Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) bewertet die vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) vorgelegte nationale Semantikstrategie als wichtigen Schritt zur Digitalisierung des Gesundheitswesens, sieht jedoch zugleich erheblichen Konkretisierungsbedarf. Ziel der Strategie ist der Aufbau einer einheitlichen semantischen Infrastruktur unter Nutzung internationaler Terminologien wie SNOMED CT, LOINC und perspektivisch ICD-11 sowie der Betrieb eines zentralen Terminologieservers.
Die AWMF betont in ihrer Stellungnahme, dass eine konsistente semantische Basis essenziell für eine vernetzte, evidenzbasierte Versorgung sei. Gleichzeitig wird kritisiert, dass in Deutschland weiterhin eine starke Abhängigkeit von der ICD-10-GM bestehe, die im Abrechnungssystem verankert ist und eine Modernisierung strukturell verzögere. Aus Sicht der Fachgesellschaft sei daher eine verbindliche nationale Strategie zur Einführung von ICD-11 erforderlich, einschließlich einer klar definierten Roadmap für Migration, Parallelbetrieb und Auswirkungen auf Abrechnungssysteme, Register und Berichtswesen.
Ein weiterer zentraler Punkt der Stellungnahme betrifft den vom BfArM betriebenen Terminologieserver. Dieser stelle zwar eine wichtige technische Grundlage dar, sei jedoch in seiner aktuellen Ausprägung nicht ausreichend für eine durchgängige semantische Integration im Versorgungsalltag. Die AWMF fordert insbesondere erweiterte Mapping-Funktionalitäten zwischen unterschiedlichen Terminologien und Klassifikationen sowie eine transparente Governance- und Versionsverwaltung. Nur so könne die praktische Interoperabilität zwischen heterogenen IT-Systemen im Gesundheitswesen verbessert werden.
Besonders deutlich fällt die Kritik im Bereich der Dokumentklassifikation aus. Die parallele Nutzung unterschiedlicher Systeme wie nationaler Dokumentklassifikationen, IHE-Profile und FHIR-basierter Strukturen führe derzeit zu Inkonsistenzen und Informationsverlusten. Die AWMF spricht sich daher für eine systematische Harmonisierung dieser Systeme aus, idealerweise unter Einbindung internationaler Standards aus dem Umfeld von Integrating the Healthcare Enterprise (IHE). Der Terminologieserver solle dabei als zentrale Plattform für Mapping und Standardisierung dienen.
Neben den technischen Aspekten adressiert die Stellungnahme auch die Governance-Struktur. Die Umsetzung semantischer Standards betreffe zahlreiche Institutionen wie das Bundesgesundheitsministerium, das BfArM, die gematik sowie wissenschaftliche Fachgesellschaften. Die AWMF sieht hier einen Bedarf an klaren Zuständigkeiten, einer koordinierten nationalen Roadmap und einer stärkeren institutionellen Einbindung der medizinischen Fachgesellschaften. Deren klinische Expertise sei für die Akzeptanz und Qualität der Standards unverzichtbar.
In der Gesamtbewertung unterstützt die AWMF die Zielrichtung der Semantikstrategie grundsätzlich, knüpft deren Erfolg jedoch an die konsequente Umsetzung internationaler Standards, verbindliche Zeitpläne und eine stärkere institutionelle Koordination.





