Krankenhäuser in Finanznot: Gaß warnt vor „kaltem Strukturwandel“

DKG sieht 75 bis 80 Prozent der Kliniken ohne schwarze Zahlen – Sparpaket könnte wirtschaftlichen Druck weiter erhöhen

Im Interview mit Fabian Busch von der WEB.DE Redaktion spricht der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß, über die angespannte Finanzlage der deutschen Krankenhäuser. Nach Einschätzung von Gaß schreiben inzwischen 75 bis 80 Prozent der Kliniken keine schwarzen Zahlen mehr. Durch das geplante Sparpaket für die gesetzlichen Krankenkassen könnten den Krankenhäusern im kommenden Jahr weitere fünf Milliarden Euro fehlen. Gaß warnt deshalb vor einer Insolvenzwelle und einem „kalten Strukturwandel“, bei dem wirtschaftlicher Druck notwendige und eigentlich geplante Veränderungen der Krankenhauslandschaft überholen könnte.

Die finanzielle Situation der Krankenhäuser sei bereits seit der Corona-Pandemie angespannt, erklärt Gerald Gaß. Einnahmen und Kosten hätten sich zunehmend auseinanderentwickelt. Da die Preise für Krankenhausleistungen staatlich festgelegt seien, könnten die Kliniken steigende Kosten nicht einfach durch entsprechende Preiserhöhungen ausgleichen.

Krankenhaus-Konjunkturbarometer: Geschäftsklima auf Rekordtief
DKI und DKG sehen dramatische Wirtschaftslage der Kliniken im zweiten Quartal 2026

Die Folge seien erhebliche Defizite. Nach Angaben der DKG schaffen es inzwischen 75 bis 80 Prozent der Krankenhäuser nicht mehr, schwarze Zahlen zu schreiben. Seit 2022 seien bundesweit rund 100 Krankenhausstandorte in die Insolvenz gegangen. Dabei habe eine Insolvenz nicht zwangsläufig zur Schließung geführt. Teilweise seien Standorte fusioniert, umgewandelt oder in ihrem Leistungsangebot reduziert worden.

Auch die Kreditfähigkeit der Krankenhäuser gerate zunehmend unter Druck. Zwar würden Banken den Kliniken derzeit noch Kredite zur Verfügung stellen, die wirtschaftliche Entwicklung erschwere jedoch die Finanzierung notwendiger Maßnahmen. Besonders kritisch bewertet Gaß die geplante Begrenzung der Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für Krankenhausleistungen. Nach Einschätzung der DKG könnten den Krankenhäusern dadurch im kommenden Jahr rund fünf Milliarden Euro an Einnahmen fehlen.

DKG warnt vor Kliniksterben

Die DKG erwartet eine weitere Verschärfung der Situation. Gaß verweist dabei auf eine aktuelle Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung, nach der bis 2030 rund 400 der derzeit etwa 1.500 Krankenhäuser in Deutschland geschlossen werden müssten, weil sie wirtschaftlich nicht mehr überlebensfähig seien.

RWI-Studie warnt vor Milliarden-Verschwendung durch KHAG
 1.000 statt 1.600 Standorte: Ökonomische Analyse zeigt radikalen Handlungsbedarf bei Klinikstrukturen

Eine Entwicklung dieser Größenordnung wäre aus Sicht der DKG beispiellos. Gaß bezeichnet die Situation als bedrohlich und erwartet insbesondere für das kommende Jahr eine weitere Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage.

Die Aussagen von Gerald Gaß verdeutlichen den zentralen Konflikt der aktuellen Krankenhausreform: Der Strukturwandel soll medizinisch und politisch gesteuert werden, gleichzeitig geraten Krankenhäuser wirtschaftlich zunehmend unter Handlungsdruck. Wenn Defizite, eingeschränkte Kreditfähigkeit und fehlende Investitionsmittel schneller wirken als die Krankenhausplanung der Länder, besteht das Risiko, dass wirtschaftlich erzwungene Standortschließungen den eigentlich geplanten Reformprozess überholen.

Krankenhäuser offen für Kostensenkungen

Mehr Geld allein könne allerdings keine dauerhafte Lösung sein, räumt Gaß ein. Die Krankenhäuser würden sich grundsätzlich nicht gegen Kostensenkungen stellen und hätten selbst Vorschläge vorgelegt. Ein Ansatz sei eine stärkere Ambulantisierung. Durch den Ausbau ambulanter Leistungen an Krankenhäusern könne die kostenintensivere stationäre Versorgung teilweise reduziert werden. Darüber hinaus fordert die DKG mehr Spielraum bei Personal- und Strukturvorgaben, sofern dies nicht zulasten der Patientenversorgung gehe.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert