KI soll Pflege entlasten – ersetzen kann sie den Menschen nicht

Pflegedirektor Olaf Abraham sieht Potenzial bei Dokumentation und Monitoring – Klinikum Magdeburg verzeichnet mehr Bewerbungen für die Pflegeausbildung

In einem Interview des Klinikums Magdeburg spricht Pflegedirektor Olaf Abraham über Chancen und Grenzen Künstlicher Intelligenz in der Pflege. Er hält es für unwahrscheinlich, dass KI den Pflegeberuf ersetzt, sieht aber großes Potenzial bei Dokumentation, Leistungserfassung und der frühzeitigen Erkennung gesundheitlicher Risiken. Gleichzeitig registriert das Klinikum einen steigenden Zulauf bei Bewerbungen für die Pflegeausbildung.

Künstliche Intelligenz verändert zunehmend die Arbeitswelt. Im Interview des Klinikums Magdeburg ordnet Olaf Abraham, Pflegedirektor am Klinikum Magdeburg, ein, welche Rolle KI künftig in der Pflege spielen könnte. Während in vielen Berufsgruppen die Sorge wächst, dass Tätigkeiten automatisiert werden könnten, hält Abraham eine vollständige Verdrängung von Pflegefachpersonen durch KI für unwahrscheinlich.

Pflege lebe wesentlich von spontanen Interaktionen mit Patienten, Mitmenschlichkeit und Empathie. Eine KI könne zwar Muster erkennen und große Datenmengen auswerten, menschliche Nähe und individuelles Eingehen auf Patienten aber nicht ersetzen.

Besonders deutlich werde dies beispielsweise bei Menschen mit Demenz. Eine ungewohnte Krankenhausumgebung könne für sie eine erhebliche Belastung darstellen. Pflege müsse deshalb individuell Sicherheit und Struktur vermitteln. Ähnliches gelte für Patienten in Notaufnahmen, auf Intensivstationen oder im OP, die sich häufig in körperlichen und psychischen Grenzsituationen befinden.

KI könnte Dokumentation und Leistungserfassung erleichtern

Potenzial sieht Abraham vor allem dort, wo Pflegekräfte heute viel Zeit für administrative Tätigkeiten aufwenden müssen.

Fortschritte bei der Spracherkennung könnten beispielsweise dazu beitragen, die pflegerische Dokumentation und Leistungserfassung stärker zu automatisieren. Statt Informationen manuell in Computersysteme einzugeben, könnten entsprechende Anwendungen Daten künftig unmittelbar aus gesprochenen Angaben übernehmen.

Für die Pflege wäre dies aus Sicht Abrahams ein erheblicher Mehrwert. Frei werdende Zeit könnte wieder stärker für Patientengespräche, Pflegevisiten und die unmittelbare Versorgung genutzt werden.

Im Klinikum Magdeburg selbst kommen KI-Anwendungen bereits in diagnostischen Bereichen zum Einsatz. Beispiele sind die Radiologie und die EKG-Auswertung. Die abschließende medizinische Entscheidung verbleibt dabei beim Menschen.

In der Pflege setzt das Klinikum derzeit noch keine KI-Anwendungen ein. Abraham verweist jedoch auf verschiedene Entwicklungen am Markt, die künftig auch für den Pflegealltag relevant werden könnten.

KI könnte Gesundheitsrisiken früher erkennen

Dazu gehören Systeme, die klinische Daten kontinuierlich auswerten und Hinweise auf mögliche Komplikationen geben. So könnten Algorithmen beispielsweise auffällige Messwerte erkennen, die auf eine beginnende Sepsis hindeuten.

Auch das Monitoring könnte künftig stärker auf Normalstationen ausgeweitet werden. Bislang werden Patienten insbesondere auf Intensivstationen engmaschig technisch überwacht.

Neue Technologien könnten diese Möglichkeiten erweitern. Abraham nennt beispielhaft sogenannte digitale Pflaster, mit denen Daten über den Verlauf einer Wunde erfasst und drahtlos übertragen werden können. KI könnte solche Informationen auswerten und Veränderungen frühzeitig erkennen.

Damit würde sich der Einsatz Künstlicher Intelligenz vor allem auf Unterstützung, Überwachung und frühzeitige Hinweise konzentrieren. Die eigentliche Bewertung und Verantwortung sollen weiterhin bei den behandelnden und pflegenden Fachkräften liegen.

Menschliche Nähe bleibt zentral

Abraham warnt zugleich davor, digitale Lösungen als Ersatz für soziale Bindung zu betrachten. Menschen seien soziale und fühlende Wesen. Persönliche Nähe, Resonanz und Empathie könnten daher nicht vollständig technisch ersetzt werden.

Für den Pflegedirektor sollte KI deshalb vor allem unterstützend eingesetzt werden. Der technologische Fortschritt müsse dazu beitragen, Beschäftigte zu entlasten und ihnen mehr Zeit für ihre eigentliche Arbeit mit den Patienten zu ermöglichen.

Parallel beobachtet das Klinikum Magdeburg aktuell einen steigenden Zulauf bei Bewerbungen für Ausbildungsplätze in der Pflege.

Abraham führt dies auf mehrere Faktoren zurück. Das Klinikum habe unter anderem seine Praxisanleitung und das Recruiting weiterentwickelt. Gleichzeitig spielten bei jungen Menschen zunehmend Überlegungen zur langfristigen Krisensicherheit eines Berufs eine Rolle.

Die unmittelbare Arbeit mit Menschen könnte damit gerade in einer zunehmend automatisierten Arbeitswelt wieder an Attraktivität gewinnen.