SAP positioniert sich neu im Markt für Krankenhaus-IT
Digital Health Platform soll klinische Systeme, Abrechnung und KI vernetzen – IS-H-Nachfolge bleibt zentrale Herausforderung
Der Softwarekonzern SAP richtet seine Strategie im Gesundheitswesen neu aus. Mit der geplanten Digital Health Platform (DHP) will das Unternehmen eine übergreifende Infrastruktur für die Integration klinischer Anwendungen, Krankenhausabrechnung, Unternehmenssoftware und Künstlicher Intelligenz schaffen. Anders als bei der früheren Branchenlösung IS-H soll SAP dabei nicht selbst sämtliche Kernfunktionen eines Krankenhausinformationssystems bereitstellen, sondern unterschiedliche Anwendungen und Technologiepartner miteinander verbinden.
Die Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe (DSAG) hat den Plattformansatz im September 2026 bewertet. Nach ihrer Einschätzung eröffnet die Strategie neue Möglichkeiten für die standortübergreifende Datennutzung, Forschung und KI-gestützte Prozesse. Gleichzeitig bestehen erhebliche offene Fragen zur technischen Verfügbarkeit, Finanzierung und praktischen Umsetzung in Krankenhäusern. (1)
SAP setzt auf offene Plattform und Technologiepartner
Die neue Strategie baut auf mehreren Partnerschaften auf. Bereits im Januar 2026 kündigten SAP und Fresenius an, gemeinsam eine interoperable und KI-gestützte Gesundheitsplattform zu entwickeln. Unter dem sogenannten AnyEMR-Ansatz sollen sich Krankenhausinformationssysteme unterschiedlicher Hersteller über offene Standards wie HL7 FHIR anbinden lassen.
Im Februar beteiligte sich SAP zudem am Münchner Health-IT-Unternehmen Avelios Medical. Dessen cloudnatives Krankenhausinformationssystem soll auf der SAP Business Technology Platform betrieben und mit SAP-Diensten für Datenmanagement, Integration und Künstliche Intelligenz verbunden werden. (2) (3)
Die Digital Health Platform soll dabei als verbindende Daten- und Integrationsschicht zwischen klinischen Anwendungen, Patientenverwaltung, Abrechnungssystemen und ERP-Lösungen dienen. Darüber hinaus sollen medizinische Daten für KI-Anwendungen und wissenschaftliche Forschung besser nutzbar gemacht werden.
Als weiteres Beispiel für die neue Partnerstrategie führt die DSAG die KI-Anwendung Prof. Valmed for SAP an. Die im SAP Store veröffentlichte Lösung soll medizinische Fragestellungen anhand wissenschaftlicher Literatur und Leitlinien unterstützen. Nach Angaben der Anwendergruppe handelt es sich um ein als Medizinprodukt zertifiziertes Partnerangebot.
IS-H-Abkündigung bleibt ungelöst
Trotz der neuen Plattformstrategie bleibt die Ablösung der bisherigen SAP-Branchenlösung IS-H für Patientenmanagement und Krankenhausabrechnung eine zentrale Herausforderung. Die für 2030 angekündigte Einstellung der Wartung wurde nicht zurückgenommen.
Für die Nachfolge entwickeln verschiedene Technologiepartner eigene Lösungen. Dazu gehören S4.health von ATSP/RZV und GS-H von GITG, die beide auf SAP S/4HANA aufbauen. Das Universitätsklinikum Tübingen hat sich bereits für S4.health entschieden und bereitet die Migration seiner Patientenabrechnung vor. (4)
Ein weiterer Schritt erfolgte im September 2026: Auf Initiative der DSAG verständigten sich Vertreter von Dedalus, GITG und ATSP/RZV darauf, künftig gemeinsam an Standardschnittstellen zwischen klinischen Systemen und Abrechnungslösungen zu arbeiten. Konkrete technische Roadmaps sowie Lizenz- und Kostenfragen sind jedoch weiterhin offen. (5)
Für Krankenhäuser bedeutet dies, dass die Entscheidung über eine IS-H-Nachfolgelösung weiterhin unabhängig von der neuen SAP-Plattformstrategie getroffen werden muss. Insbesondere die Migration von Patientenstammdaten, Fallmanagement, Abrechnungsregeln und bestehenden Schnittstellen erfordert umfangreiche technische und organisatorische Vorbereitungen.
Anwender sehen weiterhin erheblichen Klärungsbedarf
Die DSAG bewertet die strategische Neuausrichtung grundsätzlich als technologisch interessant, warnt jedoch vor einer Diskrepanz zwischen Plattformvision und den tatsächlichen Möglichkeiten vieler Krankenhäuser.
Michael Pfeil, Sprecher des DSAG-Arbeitskreises Healthcare, verweist insbesondere auf hohe Investitionen in Cloud-Infrastrukturen, fehlende personelle IT-Ressourcen und die weiterhin offenen Fragen bei der Ablösung bestehender Abrechnungssysteme.
Ungeklärt sind unter anderem die konkrete Verfügbarkeit der Plattformkomponenten, die Unterstützung unterschiedlicher KIS- und Abrechnungssysteme, Lizenz- und Betriebskosten sowie die Verantwortlichkeiten bei komplexen Systemarchitekturen.
Für das Krankenhausmanagement ergeben sich damit zwei parallele Aufgaben: die Sicherstellung einer zukunftsfähigen Patientenadministration und Abrechnung nach IS-H sowie die langfristige Entwicklung einer interoperablen Daten- und KI-Strategie.
Welche konkreten technischen Zusagen SAP und seine Partner künftig machen, dürfte auch Gegenstand der DSAG-Partnertage Healthcare am 3. und 4. November 2026 sein.




