Verhaltenssüchte offiziell anerkannt: Neue ICD-11-Diagnosen stärken Versorgung

WHO erweitert Klassifikation – Glücksspiel-, Gaming- und weitere Verhaltensabhängigkeiten rücken in den Fokus der Psychotherapie

Mit der Aufnahme sogenannter Verhaltenssüchte in die ICD-11 durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurde ein bedeutender Schritt zur systematischen Erfassung und Behandlung nicht-substanzgebundener Abhängigkeiten vollzogen. Die neuen Diagnosen finden sich in der überarbeiteten Kategorie „Störungen durch Substanzgebrauch oder Verhaltenssüchte“ und erfassen neben Glücksspiel- und Computerspielstörung auch weitere, derzeit noch als „sonstige“ klassifizierte Verhaltensabhängigkeiten wie exzessive Nutzung sozialer Netzwerke, pathologisches Kaufverhalten und problematischen Pornografiekonsum.

Die Autorinnen Prof. Dr. Katajun Lindenberg und Dr. Anke Rebecca Sonnenschein beleuchten in ihrer Übersicht die Evidenzlage zur Diagnostik und Therapie dieser neuen Krankheitsbilder. Zentrale Erklärungsansätze berücksichtigen personale, situative und verhaltensbezogene Faktoren, darunter kognitive und emotionale Reaktionsmuster sowie die Verstärkungsmechanismen digitaler Medien. Die therapeutische Versorgung erfolgt in einem gestuften Hilfesystem aus Beratung, ambulanter und stationärer Therapie sowie Rehabilitationsmaßnahmen. Interventionen orientieren sich an kognitiv-behavioralen und motivationsfördernden Verfahren, ergänzt durch körperorientierte Ansätze und sozialpädagogische Hilfen.

Die formale Aufnahme der Verhaltenssüchte in die ICD-11 bedeutet eine klare rechtliche und medizinische Anerkennung – sie schafft bessere Zugänge zur Versorgung für Betroffene und ihre Angehörigen sowie mehr Klarheit für Behandler und Kostenträger.

Lindenberg, K. & Sonnenschein, A. R. (2025): Verhaltenssüchte als neue ICD-11-Diagnosen. Fachbeitrag zur aktuellen Evidenzlage und therapeutischen Einordnung