Gewalt und Überbelegung in der forensischen Psychiatrie: Runder Tisch in Neustadt

AMEOS-Fachveranstaltung thematisiert steigende Belegungszahlen, Personalmangel und Deeskalationsstrategien

Mehr als 100 Fachleute aus Medizin, Justiz, Politik und weiteren Institutionen haben am Runden Tisch des AMEOS Klinikum für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie Neustadt teilgenommen. Die jährlich stattfindende Fachveranstaltung stand in diesem Jahr unter den Schwerpunkten Gewalt und Überbelegung. Vertreterinnen und Vertreter des Landes Schleswig-Holstein, darunter Abgeordnete des Landtags sowie Delegationen aus Justiz- und Sozialministerium, diskutierten gemeinsam mit Klinikverantwortlichen über strukturelle Herausforderungen in der forensischen Versorgung.

Nach einem Grußwort des Ärztlichen Direktors Dr. Daniel Ehmke beleuchtete Chefarzt Dr. Wilhelm Tophinke die Zusammenhänge zwischen steigenden Belegungszahlen und Gewalt im klinischen Alltag. „Steigende Belegungszahlen, herausfordernde räumliche Rahmenbedingungen und Personalmangel stellen unser Klinikum ebenso wie viele Einrichtungen bundesweit vor große Aufgaben“, erklärte Tophinke. Neben quantitativen Engpässen verwies er auf wachsende Anforderungen durch unterschiedliche kulturelle Hintergründe und Sprachbarrieren im Behandlungs- und Sicherheitskontext.

Für die Klinikleitungen forensischer Einrichtungen sind diese Faktoren von zentraler Bedeutung. Überbelegung erhöht nicht nur den organisatorischen Druck, sondern kann auch das Risiko von Konflikten und Eskalationen im Stationsalltag steigern. Gleichzeitig sind forensische Kliniken an gesetzliche Unterbringungsentscheidungen gebunden und verfügen nur begrenzt über Steuerungsmöglichkeiten hinsichtlich der Aufnahmezahlen.

Im Rahmen der Veranstaltung wurden praxisorientierte Instrumente zur Risikoeinschätzung und Konfliktprävention vorgestellt. Präsentiert wurde unter anderem das Prognoseinstrument „START“ (Short Term Assessment of Risk and Treatability), das eine strukturierte Einschätzung akuter Gefährdungslagen ermöglicht. Zudem wurde das international etablierte Pflegekonzept „Safewards“ erläutert, das auf eine systematische Reduktion von Konflikten und Gewalt auf Station abzielt und am Standort Neustadt seit mehreren Jahren angewendet wird.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der sogenannten Adherence-Therapie, mit der gemeinsame Therapieziele zwischen Patientinnen und Patienten sowie Behandelnden entwickelt und nachhaltig umgesetzt werden sollen. Ergänzend wurde ein deeskalierender Trainingsansatz zum Thema Selbstschutz vorgestellt, der in Zusammenarbeit mit der Polizei entwickelt wurde.

Die Diskussion verdeutlichte die Schnittstellen zwischen Gesundheitswesen und Justiz. Für das Krankenhausmanagement forensischer Einrichtungen stehen neben personellen und räumlichen Ressourcen zunehmend Fragen der Sicherheitsarchitektur, interdisziplinären Kooperation und strukturierten Risikoanalyse im Mittelpunkt. Der Runde Tisch unterstrich die Bedeutung eines kontinuierlichen Dialogs zwischen Klinik, Politik und Justiz, um Behandlungssicherheit und gesellschaftlichen Auftrag gleichermaßen zu gewährleisten.

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