Studie zeigt erhebliche Defizite im Entlassmanagement

Hochschule Stralsund wertet 30 Studien aus – fehlende Standards, unklare Zuständigkeiten und Kommunikationsprobleme erschweren die Anschlussversorgung

Das Entlassmanagement deutscher Krankenhäuser weist weiterhin erhebliche strukturelle Schwächen auf. Ein wissenschaftlicher Scoping Review unter Beteiligung der Hochschule Stralsund zeigt, dass die sektorenübergreifende Anschlussversorgung trotz bestehender gesetzlicher Vorgaben häufig nicht ausreichend koordiniert ist. Besonders problematisch sind uneinheitliche Prozesse, fehlende Ressourcen und unzureichende Kommunikation zwischen Krankenhäusern und nachversorgenden Einrichtungen.

Für die wissenschaftliche Übersichtsarbeit „Entlassmanagement in Deutschland: Ein Scoping Review“ sichtete eine Forschungsgruppe um Anne Petereit, Chiara Kleinschmidt und Prof. Dr. Ivonne Honekamp insgesamt 2.959 Veröffentlichungen und wertete 30 Studien aus. Die Untersuchung erschien im Juli 2026 online in der Fachzeitschrift Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen (ZEFQ). Der AOK-Fachnewsletter Blickpunkt Klinik griff die Ergebnisse am 27. Oktober erneut auf. (1) (2)

Fehlende Standards und unklare Verantwortlichkeiten

Die ausgewerteten Studien beschreiben wiederkehrende Probleme bei der Umsetzung des Entlassmanagements. Dazu gehören fehlende standardisierte Verfahren, unklare Zuständigkeiten, Zeit- und Personalmangel sowie Schwierigkeiten in der Abstimmung zwischen den beteiligten Versorgungsbereichen.

Auch die Wirksamkeit bisheriger Maßnahmen ist nicht ausreichend belegt. Insbesondere hinsichtlich der Vermeidung erneuter Krankenhausaufnahmen zeigen Interventionsstudien bislang nur begrenzte Erfolge.

Als vielversprechende Ansätze identifizieren die Forschenden strukturierte Bedarfserhebungen, standardisierte Entlassinformationen und den Einsatz von Case-Managern zur Koordination komplexer Versorgungssituationen.

Digitale Kommunikation weiterhin lückenhaft

Eine ergänzende Befragung im Rahmen des Forschungsprojekts NAHVERSORGT zeigt für Mecklenburg-Vorpommern zusätzliche Schwierigkeiten bei der praktischen Umsetzung. Informationen an nachversorgende Einrichtungen werden vielfach weiterhin telefonisch, schriftlich oder per Fax übermittelt. Teilweise sind Entlassinformationen unvollständig oder schwer verständlich.

Mehr als ein Drittel der Befragten gab an, dass das eigene Krankenhaus noch keine digitalen Instrumente im Entlassmanagement einsetzt. Diese Ergebnisse beziehen sich auf die regionale Befragung und sind nicht Bestandteil der bundesweiten Studienauswertung.

Prof. Dr. Ivonne Honekamp, Professorin für Management im Gesundheitswesen an der Hochschule Stralsund, betont im Interview mit Blickpunkt Klinik, dass digitale Anwendungen allein keine verlässliche Anschlussversorgung gewährleisten können. Entscheidend seien verbindliche Prozesse, ausreichende Versorgungskapazitäten und klar geregelte Verantwortlichkeiten. (3)

Handlungsempfehlungen für Krankenhäuser

Aus den Untersuchungen leiten die Forschenden fünf zentrale Handlungsfelder ab. Der Unterstützungsbedarf sollte bereits bei der Krankenhausaufnahme erfasst und die Entlassplanung frühzeitig begonnen werden. Verbindliche Standards und eindeutige Zuständigkeiten sollen die Abläufe verbessern.

Für Patienten mit komplexem Versorgungsbedarf empfehlen sie eine koordinierte Betreuung durch Case-Manager oder Patientenlotsen. Ergänzend seien interoperable digitale Lösungen und eine stärkere regionale Vernetzung der beteiligten Einrichtungen erforderlich.

Für das Klinikmanagement verdeutlichen die Ergebnisse, dass die Qualität des Entlassmanagements nicht allein von digitalen Anwendungen abhängt. Entscheidend ist ein abgestimmter Gesamtprozess, der medizinische, pflegerische und soziale Versorgungsbedarfe frühzeitig berücksichtigt und eine verlässliche Überleitung in die Anschlussversorgung ermöglicht.