ORPHEUS: KI-Spracherkennung für die medizinische Dokumentation
KI aus Deutschland soll klinische Dokumentation vereinfachen
Die IDM gGmbH, eine gemeinnützige Tochter des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), entwickelt mit ORPHEUS eine KI-gestützte Spracherkennung speziell für den medizinischen Einsatz. Die Anwendung wandelt ärztliche Diktate in Echtzeit in Text um und kann direkt in Krankenhausinformationssystemen, Praxisverwaltungssystemen, Microsoft Word oder E-Mail-Anwendungen eingesetzt werden. Mit einem Ambient-Modus soll zudem die automatisierte Dokumentation von Arzt-Patienten-Gesprächen ermöglicht werden.
Die digitale Dokumentation gehört zu den zeitaufwendigsten Aufgaben im klinischen Alltag. Mit ORPHEUS will die IDM gGmbH die medizinische Spracherkennung und KI-gestützte Dokumentation stärker in bestehende Arbeitsabläufe integrieren. Die Anwendung soll dabei nicht auf einzelne Systeme beschränkt sein, sondern direkt an der Cursorposition in unterschiedlichen Anwendungen funktionieren.
Nach Angaben des Unternehmens ist ORPHEUS bereits in mehr als 40 Kliniken, darunter vier Universitätskliniken, sowie in mehr als 500 Arztpraxen im Einsatz. Insgesamt nutzen demnach mehr als 30.000 Anwenderinnen und Anwender die Lösung. Bislang seien mehr als zehn Millionen Transkriptionen verarbeitet worden.
Echtzeit-Transkription und Ambient-Modus
Im klassischen Diktiermodus wandelt ORPHEUS gesprochene Sprache in Echtzeit in Text um. Die Spracherkennung ist nach Angaben der IDM auf medizinische Fachsprache ausgelegt und soll auch mit unterschiedlichen Akzenten, Dialekten und Hintergrundgeräuschen im klinischen Umfeld umgehen können. Satzzeichen werden dabei automatisch aus dem Kontext erzeugt. Ein individuelles Vokabular ermöglicht zudem die Anpassung an Eigennamen, Stationsbezeichnungen, medizinische Geräte oder hauseigene Begriffe.
Eine weitere Funktion ist der sogenannte Ambient-Modus. Dabei erfasst die Anwendung das Arzt-Patienten-Gespräch im Hintergrund und trennt nach Angaben des Herstellers die einzelnen Sprecher. Auf Grundlage des Gesprächs kann anschließend eine strukturierte Dokumentation nach vorgegebenen Templates erstellt werden. Live-Hinweise sollen dabei unterstützen, fehlende Informationen zu erkennen.
Für die medizinische Dokumentation bietet ORPHEUS darüber hinaus Funktionen wie teilbare Vorlagen, OCR-Upload und Vorschläge für ICD-10-Codes. Die Anwendung soll zudem eine Nachvollziehbarkeit der KI-generierten Zusammenfassungen ermöglichen. Markierte Textpassagen können den jeweiligen Quellstellen im aufgezeichneten Gespräch zugeordnet werden.
Eigene KI-Modelle und Datenverarbeitung in Deutschland
Nach Angaben der IDM setzt ORPHEUS auf eigene KI-Modelle. Das klinische Sprachmodell ARGO wurde demnach auf Basis von Daten aus sieben Millionen Patientenakten des UKE trainiert. IDM entwickelt nach eigenen Angaben sowohl die Modelle als auch die Spracherkennung und die darauf aufbauenden Anwendungen selbst.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Datenschutz und Datensouveränität. Die Verarbeitung der Daten erfolgt laut IDM ausschließlich in Deutschland. ORPHEUS kann demnach entweder On-Premise auf einer eigenen GPU-Infrastruktur oder in einer souveränen deutschen Cloud betrieben werden. Als mögliche Cloud-Umgebungen werden unter anderem STACKIT und GWDG genannt.
Für den Ambient-Modus gelten zusätzliche Datenschutzvorgaben. Vor Beginn einer Aufnahme muss bestätigt werden, dass alle anwesenden Personen gemäß Artikel 13 DSGVO informiert wurden. Das Stimmprofil für die Sprechertrennung soll lokal auf dem jeweiligen Gerät verbleiben. Die Speicherung von Audiodaten kann nach Angaben der IDM per Opt-out deaktiviert werden. Eine Nutzung von Diktaten für das Training der KI-Modelle sei freiwillig und jederzeit widerrufbar. Die dafür verwendeten Trainingsdaten würden zuvor de-identifiziert.
Integration in Klinik und Praxis
ORPHEUS ist nach Herstellerangaben für den Einsatz in Kliniken, MVZ und Arztpraxen konzipiert. Neben Ärztinnen und Ärzten richtet sich die Anwendung auch an Pflege, Therapie und Verwaltung. Unterstützt werden Desktop-Systeme mit Windows, macOS und Linux sowie mobile Anwendungen für iOS und Android.
Die mobile Version kann als Tastatur in beliebigen Apps und E-Mail-Anwendungen genutzt werden. Eine Synchronisierung der Historie mit dem Desktop soll die Arbeit über verschiedene Endgeräte hinweg ermöglichen. Für größere Einrichtungen stehen zudem Single-Sign-On-Lösungen über OIDC oder SAML sowie eine Anbindung an Active Directory zur Verfügung. Die Integration ist laut IDM auch in Citrix-Umgebungen möglich.
Die Bereitstellung kann entweder auf eigener Infrastruktur oder über eine souveräne deutsche Cloud erfolgen. Der Anbieter gibt für einen standardisierten Roll-out eine maximale Dauer von zwei Wochen an. In der Praxis soll ORPHEUS ohne aufwendige Serverinstallation unmittelbar einsetzbar sein.
Mit der Kombination aus Echtzeit-Spracherkennung, Ambient Clinical Documentation, KI-gestützter Zusammenfassung und medizinischen Dokumentationsfunktionen positioniert sich ORPHEUS als umfassende Lösung für die digitale klinische Dokumentation. Entscheidend für den tatsächlichen Nutzen im Versorgungsalltag dürfte dabei neben der Erkennungsqualität insbesondere die zuverlässige Integration in bestehende KIS- und PVS-Strukturen sowie die Einhaltung hoher Anforderungen an Datenschutz und Datensicherheit sein.




