Ambulante Versorgung unter Druck: AOK-Bezirksrat diskutiert Reformbedarf

Experten warnen vor strukturellen Engpässen in der Region Neckar-Fils

Die ambulante medizinische Versorgung steht vor tiefgreifenden strukturellen Herausforderungen. Bei der jüngsten Sitzung des Bezirksrats der AOK Neckar-Fils analysierten Experten die aktuellen Rahmenbedingungen und diskutierten Lösungsansätze für eine zukunftsfähige Versorgung in der Region.

Zu den Referenten gehörten Dr. Markus von Ehr vom Gesundheitsamt Esslingen, Sven Gnoth von der Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg sowie Andreas Fischer, Geschäftsbereichsleiter Versorgung der AOK. Im Mittelpunkt standen der Fachkräftemangel, Defizite in der Patientensteuerung und strukturelle Besonderheiten des deutschen Gesundheitssystems.

Deutschland leistet sich im internationalen Vergleich ein duales System aus gesetzlicher und privater Krankenversicherung sowie einen weitgehend ungesteuerten Zugang zu ärztlichen Leistungen. Trotz hoher Gesundheitsausgaben und durchschnittlich rund neun Arztkontakten pro Kopf und Jahr zeigen sich laut Morbiditätsstatistik keine signifikant besseren gesundheitlichen Ergebnisse im europäischen Vergleich.

Die personellen Herausforderungen sind erheblich. Rund 20 Prozent der Hausärztinnen und Hausärzte sind älter als 65 Jahre und werden in den kommenden Jahren aus dem Berufsleben ausscheiden. Gleichzeitig sinkt durch steigende Teilzeitquoten das verfügbare ärztliche Vollzeitäquivalent. Jüngere Medizinerinnen und Mediziner legen zunehmend Wert auf Teamarbeit, planbare Arbeitszeiten und kooperative Praxisformen. Die fachärztliche Weiterbildung gilt als zentraler Faktor für eine langfristige Bindung an die Region.

Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion war die Patientensteuerung. Dr. von Ehr verwies auf Defizite in der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung. Der Öffentliche Gesundheitsdienst im Landkreis Esslingen habe keinen direkten gesetzlichen Auftrag zur Steuerung der ambulanten oder stationären Versorgung, könne jedoch über vernetzte Strukturen, Kommunale Gesundheitskonferenzen sowie Informations- und Präventionsangebote Einfluss nehmen.

Als zukunftsweisendes Modell stellte Andreas Fischer die Hausarztzentrierte Versorgung der AOK Baden-Württemberg vor. Die HZV stärkt seit 17 Jahren die koordinierende Rolle der Hausärzte. Evaluationen der Goethe-Universität Frankfurt am Main und des Universitätsklinikums Heidelberg zeigen deutliche Vorteile gegenüber der Regelversorgung. Im Jahr 2022 verzeichnete die HZV-Gruppe 3,1 Millionen zusätzliche Hausarztkontakte und 1,36 Millionen weniger unkoordinierte Facharztbesuche ohne Überweisung. Hochrechnungen zufolge konnten zwischen 2011 und 2022 bei 119.000 Diabetikern mehr als 9.200 schwerwiegende Komplikationen vermieden werden, darunter rund 700 Amputationen.

Mit Blick auf den steigenden Bedarf an hausärztlicher Versorgung stellte Fischer zudem das Modell HÄPPI vor, das für „Hausärztliches Primärversorgungszentrum – Patientenversorgung Interprofessionell“ steht. Es setzt auf interprofessionelle Teams und die Delegation ärztlicher Leistungen an qualifizierte Fachkräfte wie VERAH oder Physician Assistants, um Hausärzte zu entlasten und die Versorgung effizienter zu gestalten.

Kritisch diskutiert wurden kommerzielle Vermittlungsplattformen im Gesundheitswesen, die zwar Zusatznutzen bieten, aber auch Risiken der Fragmentierung und datenschutzrechtliche Fragen mit sich bringen. Auch die telefonische Krankschreibung wurde thematisiert. Nach ersten Daten der AOK Baden-Württemberg macht sie rund ein Prozent aller ausgestellten Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen aus und trägt zur Entlastung der Praxen bei.

Fazit der Sitzung: Eine zukunftssichere ambulante Versorgung erfordert stärkere Steuerung, mehr Prävention, gezielten Einsatz digitaler Instrumente und attraktive Arbeitsbedingungen für medizinisches Fachpersonal, insbesondere in der hausärztlichen Versorgung.

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