Versorgungsforschung fordert neue Agenda für das Gesundheitssystem

DKVF-Jubiläum in Köln stellt Patientenzentrierung, Organisationen und Priorisierung in den Mittelpunkt

Der Deutsche Kongress für Versorgungsforschung (DKVF) feiert im September 2026 an der Uniklinik Köln sein 25-jähriges Bestehen. Im Gespräch mit dem „Monitor Versorgungsforschung“ betonen die Kongresspräsidentinnen Prof. Dr. Lena Ansmann und Prof. Dr. Nicole Ernstmann, dass Versorgungsforschung künftig stärker partizipativ, international und organisationsbezogen ausgerichtet werden müsse. Zugleich fordert das Fach angesichts knapper Fördermittel eine stärkere Priorisierung und eine klare Forschungsagenda.

Unter dem Kongressmotto „Menschen. Beziehungen. Organisationen“ wollen Ansmann und Ernstmann die Entwicklung der Versorgungsforschung über die vergangenen 25 Jahre mit zukünftigen Anforderungen verbinden. Nach Einschätzung der beiden Wissenschaftlerinnen hat sich das Fach von einer zunächst vorwiegend beschreibenden Wissenschaft zu einer zunehmend interventionell ausgerichteten Disziplin entwickelt.

Wer Versorgung nicht nur analysieren, sondern verändern wolle, müsse Organisationen, Leistungserbringende, Selbstverwaltung, Politik und insbesondere Patientinnen und Patienten einbeziehen. Die Betroffenenperspektive habe dabei in den vergangenen zehn Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen. Partizipative Forschung werde deshalb zu einer zentralen Zukunftsaufgabe, zugleich müsse geklärt werden, wie entsprechende Ansätze wissenschaftlich valide evaluiert werden können.

Auch die internationale Zusammenarbeit soll ausgebaut werden. Deutschland könne sich bei der Versorgungsforschung nicht auf die Besonderheiten des eigenen Gesundheitssystems zurückziehen. Demografischer Wandel, Fachkräftemangel und begrenzte finanzielle Ressourcen seien Herausforderungen, die viele Länder gleichermaßen betreffen. Der Kongress will deshalb internationale Perspektiven stärker in das Programm integrieren.

Weniger Innovationsfonds-Mittel erhöhen den Priorisierungsdruck

Eine besondere Herausforderung sehen die Kongresspräsidentinnen in der Entwicklung der Forschungsförderung. Die künftig auf 100 Millionen Euro reduzierte Förderung des Innovationsfonds bedeute zwar weiterhin eine erhebliche Finanzierungsmöglichkeit, gleichzeitig müssten sich inzwischen deutlich mehr Institute und Forschungsstandorte um die verfügbaren Mittel bemühen.

Die Entwicklung könnte nach Einschätzung von Ansmann auch zu einer stärkeren Selektion führen. Zugleich gewinnt damit die Frage an Bedeutung, welche Themen die Versorgungsforschung tatsächlich prioritär bearbeiten sollte. Ernstmann spricht sich für eine stärkere gemeinsame Priorisierung und ein systematisches Agenda-Setting aus. Das Deutsche Netzwerk Versorgungsforschung (DNVF) könne hierfür aufgrund seiner zahlreichen Fachgesellschaften und Forschungsnetzwerke eine zentrale Rolle übernehmen.

Dabei soll sich der Blick nicht allein auf neue Leistungen und Innovationen richten. Zunehmend müsse auch untersucht werden, welche bestehenden Maßnahmen keinen ausreichenden Nutzen mehr bieten und aus der Versorgung herausgenommen werden sollten. De-Implementierung werde damit zu einer eigenständigen Aufgabe der Versorgungsforschung.

Nachwuchs und Qualitätssicherung bleiben zentrale Themen

Parallel zur inhaltlichen Weiterentwicklung beschäftigt das Fach seine institutionelle Entwicklung. Inzwischen bestehen nach Angaben der Kongresspräsidentinnen zehn Masterstudiengänge im Bereich Versorgungsforschung. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob die bestehenden Curricula noch ausreichend auf die zukünftigen methodischen und gesundheitspolitischen Herausforderungen vorbereiten.

Auch die Qualitätssicherung gewinnt mit der wachsenden Zahl neuer Hochschulstandorte an Bedeutung. Die hohe Akzeptanzquote beim DKVF wird von den Veranstalterinnen deshalb nicht allein als Qualitätsproblem betrachtet. Vielmehr soll insbesondere Nachwuchsforschenden der Zugang ermöglicht werden. Die Begutachtung der Beiträge erfolgt nach Angaben der Präsidentinnen dennoch systematisch und durch mehrere Gutachtende.

Der Jubiläumskongress soll schließlich auch blinde Flecken des Fachs thematisieren. Dazu zählen unter anderem Diversität, Kinder- und Jugendversorgung, familienzentrierte Versorgung sowie die organisationsbezogene Versorgungsforschung. Ziel ist es, die Versorgungsforschung in den kommenden 25 Jahren stärker auf die drängendsten Probleme des Gesundheitssystems auszurichten.

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