Deutschland ungeschützt vor Hitzedomen: Geriatrie-Experten warnen vor „vermeidbaren Todesfällen in fünfstelliger Zahl“

Deutsche Gesellschaft für Geriatrie fordert rechtliche Anerkennung von Extremhitze als Katastrophe und umfassende Vorsorgemaßnahmen

Deutschland ist auf extreme Hitzeereignisse wie einen sogenannten „Hitzedom“ nicht vorbereitet – mit potenziell verheerenden Folgen. Das ist das alarmierende Ergebnis einer aktuellen Analyse der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG), die am Montag veröffentlicht wurde. DGG-Präsident Prof. Dr. Markus Gosch warnt: „Wenn keine ausreichenden Vorbereitungen getroffen werden, können bei einem Hitzedom Zehntausende Todesfälle binnen weniger Tage die Folge sein – und die wären zu vermeiden.“

Die Analyse mit dem Titel „Hitzedom in Deutschland und wie gut wir darauf vorbereitet sind“ offenbart eklatante Defizite im bundesweiten Hitzeschutz. Im Gegensatz zu Ländern wie Kanada oder Südeuropa, wo extreme Hitzewellen bereits katastrophale Auswirkungen hatten, fehle es in Deutschland an grundlegenden Vorsorgestrukturen, so der federführende Autor Prof. Dr. Clemens Becker vom Universitätsklinikum Heidelberg: „Die meisten Regionen hierzulande sind auf Extremhitze schlichtweg nicht vorbereitet.“

Hitzedom: Eine reale Bedrohung mit tödlichem Potenzial

Ein Hitzedom entsteht, wenn eine stabile Hochdruckzone die heiße Luft über einem Gebiet einschließt. Temperaturen über 40 Grad Celsius können dann über Tage oder Wochen andauern – wie etwa 2021 in Kanada, wo in Vancouver bis zu 49 Grad gemessen wurden. In Deutschland führte eine Hitzewelle im Sommer 2003 bereits zu rund 7.600 Todesfällen – und das bei deutlich niedrigeren Extremwerten als in Übersee.

Besonders gefährdet sind laut DGG-Analyse ältere Menschen mit eingeschränkter Temperaturregulation, chronischen Erkrankungen oder Demenz. Aber auch Säuglinge, Schwangere, Menschen mit psychischen Erkrankungen sowie im Freien arbeitende Personen und Obdachlose gehören zu den Risikogruppen. Gosch betont: „Die Altersmedizin trägt eine besondere Verantwortung, weil ältere Menschen bei Hitze überproportional häufig sterben.“

Rechtliche Lücken und fehlende Zuständigkeiten

Ein zentrales Problem sei die mangelnde rechtliche Einordnung: Extreme Hitzeereignisse gelten in Deutschland bislang nicht als Naturkatastrophen. „Dadurch sind viele Schutzmaßnahmen freiwillig statt verbindlich“, kritisiert Becker. Es fehlen klare Zuständigkeiten, Evakuierungspläne, temporäre Beschäftigungsverbote im Freien oder vorbereitende Maßnahmen für das Gesundheitswesen. Auch die Kommunikation mit der Bevölkerung sei unzureichend organisiert.

Derzeit existieren laut DGG in nur etwa 25 von mehreren Tausend deutschen Kommunen überhaupt Hitzeaktionspläne – und diese seien meist nicht auf Extremszenarien wie Hitzedome ausgelegt. „Angesichts der globalen Klimadaten ist das fahrlässig“, so Becker.

Zehn-Punkte-Forderung für eine wirksame Hitzestrategie

Die DGG fordert deshalb eine umfassende Neuausrichtung der Hitzepolitik in Deutschland – weg von reaktiver Krisenbewältigung, hin zu präventivem Bevölkerungsschutz. Die zentralen Empfehlungen umfassen:

  • Extreme Hitzeereignisse sind als Naturkatastrophen zu definieren.
  • Alle Hitzeaktionspläne mit Einbeziehung extremer Szenarien sind sofort zu überarbeiten.
  • Krisenstäbe müssen eingerichtet werden, um im Ernstfall schnell reagieren zu können.
  • Notaufnahmen in Krankenhäusern müssen auf viele Hitzschlag-Patientinnen und -Patienten vorbereitet werden.
  • Gezielter Datenabgleich zwischen Kranken- und Pflegekassen, um Risikopersonen gezielt zu schützen.
  • Mobile Einsatzteams für besonders gefährdete Personen etablieren.
  • Mögliche Urlaubssperren oder Urlaubsabbruch für Beschäftigte im Gesundheitswesen einplanen.
  • Geschulte Laieneinsatzhelfer der Hilfsorganisationen aktivieren.
  • Gekühlte Räume in Stadtteilen sollten gekennzeichnet und zugänglich gemacht werden.
  • Evakuierungen in besonders gefährdeten Stadtteilen müssen vorbereitet werden.
  • Zeitlich befristete Beschäftigungsverbote für planbare Außentätigkeiten ermöglichen.