S3-Leitlinie aktualisiert: Neue Standards zur Therapie des Descensus genitalis

Diagnostik und Behandlung des Beckenorganprolapses bei Frauen neu eingeordnet

Mit einer aktualisierten S3-Leitlinie werden Diagnostik und Therapie des weiblichen Descensus genitalis (Genitalsenkung) umfassend neu strukturiert. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) hat gemeinsam mit weiteren Fachgesellschaften evidenzbasierte Handlungsempfehlungen zur konservativen und operativen Versorgung betroffener Patientinnen vorgelegt. Ziel ist eine standardisierte, qualitätsgesicherte Behandlung eines Krankheitsbildes, das häufig mit erheblicher Einschränkung der Lebensqualität und Belastungsinkontinenz einhergeht.

Der Descensus genitalis umfasst das Tiefertreten von Blase, Gebärmutter, Darmanteilen oder Vagina und betrifft vor allem Frauen mittleren und höheren Alters. Die Leitlinie wurde im Juni 2026 in Berlin vorgestellt und berücksichtigt neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu Operationstechniken, Präventionsstrategien sowie zur Versorgung von Patientinnen mit noch bestehendem Kinderwunsch. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der strukturierten Entscheidungsfindung zwischen Arzt und Patientin sowie der stärkeren Standardisierung diagnostischer Verfahren.

Im Zentrum der diagnostischen Empfehlungen steht eine kombinierte klinische und bildgebende Abklärung. Neben der gynäkologischen Untersuchung mit Spekulumeinstellung werden standardisierte Fragebögen zur Erfassung von Blasen-, Darm- und Sexualsymptomen empfohlen. Ergänzend kommen Ultraschallverfahren des Beckenbodens sowie in komplexeren Fällen auch dynamische MRT-Untersuchungen oder weitere funktionelle Bildgebungen zum Einsatz. Ziel ist eine präzise Einordnung des Ausmaßes des Prolapses als Grundlage für die Therapieentscheidung.

Ein wesentlicher Schwerpunkt der Leitlinie liegt auf der Therapieaufklärung. Diese wird als zentraler Bestandteil der ärztlichen Verantwortung hervorgehoben. Patientinnen sollen umfassend über konservative Maßnahmen wie Beckenbodentraining, Pessartherapie oder hormonelle Behandlungen sowie über operative Verfahren informiert werden. Dazu zählen vaginale, abdominale oder laparoskopische Operationstechniken, teilweise mit oder ohne Netzimplantate. Auch Risiken, Komplikationen, Auswirkungen auf Sexualität sowie mögliche Folgeeingriffe sind systematisch zu erläutern. Die gemeinsame Entscheidungsfindung soll dokumentiert und idealerweise mindestens 24 Stunden vor einem operativen Eingriff abgeschlossen sein.

Therapeutisch differenziert die Leitlinie zwischen konservativen und operativen Verfahren nach anatomischen Kompartimenten. Während im Vorder- und Mittelbereich unter anderem plastische Rekonstruktionen und Fixationsverfahren beschrieben werden, umfasst die operative Bandbreite im hinteren Kompartiment auch Rektopexie-Verfahren. Zugleich werden bestimmte Techniken kritisch bewertet und teilweise eingeschränkt empfohlen, insbesondere der Einsatz bestimmter Implantate ohne klare Evidenzbasis.

Auch präventive Ansätze werden stärker berücksichtigt. Dazu zählen unter anderem Beckenbodenschulung, Gewichtsreduktion, hormonelle Lokaltherapien sowie geburtshilfliche Präventionsstrategien. Ziel ist es, das Risiko eines Prolapses bereits vor Auftreten klinischer Symptome zu reduzieren und Rezidive nach operativer Therapie zu vermeiden.

Mit der Aktualisierung der S3-Leitlinie wird ein einheitlicher Rahmen geschaffen, der sowohl die Versorgungsqualität verbessern als auch die Vergleichbarkeit therapeutischer Entscheidungen erhöhen soll. Gleichzeitig unterstreichen die Empfehlungen die zunehmende Bedeutung patientenzentrierter Entscheidungsprozesse in der operativen Gynäkologie.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert