Qualitätsbericht Rettungsdienst Baden-Württemberg 2025
SQR-BW legt aktuelle Qualitätsdaten vor – deutliche Defizite bei Prähospitalzeiten und neue Indikatoren zur Reanimationsversorgung
Die Stelle zur trägerübergreifenden Qualitätssicherung im Rettungsdienst Baden-Württemberg (SQR-BW) hat den Qualitätsbericht für das Berichtsjahr 2025 veröffentlicht. Der Bericht zeigt bei mehreren rettungsdienstlichen Tracerdiagnosen weiterhin deutliche Unterschiede bei der leitliniengerechten Versorgung und insbesondere bei der Einhaltung einer Prähospitalzeit von maximal 60 Minuten. Gleichzeitig wurden für 2025 mehrere Indikatoren und Berechnungsgrundlagen angepasst, wodurch Vergleiche mit den Vorjahren teilweise nur eingeschränkt möglich sind.
- ST-Hebungsinfarkt: Defizite bei EKG und Prähospitalzeit
- Polytrauma: Prähospitalzeit erreicht neuen Tiefststand
- Akute neurologische Notfälle: Versorgung verbessert, Zeitvorgaben verfehlt
- Atemnot: Notarzteinsätze auf Vorjahresniveau
- Sepsis: Prähospitalzeit bleibt problematisch
- Herz-Kreislauf-Stillstand erstmals mit Reanimationserkennung
- Schmerzreduktion: Kompetenz der Notfallsanitäter sichtbar
- Dokumentation bleibt zentrale Voraussetzung für belastbare Qualitätsdaten
Der Qualitätsbericht der SQR-BW für das Datenjahr 2025 enthält erneut umfangreiche Auswertungen zur Qualität der rettungsdienstlichen Versorgung in Baden-Württemberg. Bei den notärztlichen Indikatoren zum geeigneten Transportziel konnten allerdings erneut nur Fälle mit notärztlich begleitetem Transport berücksichtigt werden. Grund hierfür sind weiterhin nicht behobene Abweichungen verschiedener Dokumentationssysteme von der MIND-Konformität.
Auch bei mehreren Qualitätsindikatoren wurden die Berechnungsregeln oder Grundgesamtheiten verändert. Besonders deutlich betrifft dies die Versorgung von Patientinnen und Patienten mit ST-Hebungsinfarkt. Der bisherige Indikator „Leitliniengerechte Versorgung: ST-Hebungsinfarkt“ wurde in zwei neue Indikatoren aufgeteilt.
ST-Hebungsinfarkt: Defizite bei EKG und Prähospitalzeit
Beim neuen Indikator zum 12-Kanal-EKG bei einem akuten Koronarsyndrom oder unklarem Thoraxschmerz wurde das Indikatorziel lediglich in 69,5 Prozent der Fälle erreicht. Die SQR-BW weist darauf hin, dass weiterhin ein Dokumentationsproblem besteht: Die Möglichkeit zur Dokumentation eines 12-Kanal-EKG ist in einer Dokumentationslösung nur schwer auffindbar.
Bei ST-Hebungsinfarkten wurde die erforderliche Gabe von Acetylsalicylsäure in knapp 81 Prozent der übermittelten Fälle dokumentiert. Eine schlüssige Erklärung für die vergleichsweise niedrige Dokumentationsquote liegt laut Bericht derzeit nicht vor.
Auch bei der Prähospitalzeit zeigt sich Verbesserungspotenzial. Die Zielvorgabe von maximal 60 Minuten wurde bei ST-Hebungsinfarkt in 68 Prozent der Fälle erreicht. Bei einer primären Alarmierung eines notarztbesetzten Rettungsmittels wurde das Ziel deutlich häufiger erreicht als bei einer Notarztnachforderung.
Positiv fällt dagegen die Wahl des geeigneten Krankenhauses aus: Mehr als 99 Prozent der Patientinnen und Patienten mit ST-Hebungsinfarkt wurden in ein geeignetes Krankenhaus transportiert. In 98,4 Prozent der Transporte erfolgte eine Klinikanmeldung.
Polytrauma: Prähospitalzeit erreicht neuen Tiefststand
Bei Polytraumatisierten und Schwerverletzten wurde das Qualitätsziel der leitliniengerechten Versorgung in rund 75 Prozent der Fälle erreicht. Damit verschlechterte sich der Wert gegenüber dem Vorjahr geringfügig um 0,8 Prozent.
Am häufigsten führte eine fehlende Atemwegssicherung zur Nichterfüllung des Indikators. Besonders auffällig ist die Entwicklung bei der Prähospitalzeit: Nur noch knapp 39 Prozent der Fälle erreichten das Ziel einer maximal 60-minütigen Prähospitalzeit. Damit wurde im Vergleich der vergangenen fünf Jahre ein neuer Tiefststand erreicht.
Auch bei dieser Tracerdiagnose hatte eine Notarztnachforderung erhebliche Auswirkungen auf den Erreichungsgrad. Gleichzeitig weist die SQR-BW darauf hin, dass die relativ kleinen Fallzahlen zufallsbedingte Schwankungen sowohl im Zeitverlauf als auch zwischen den Rettungsdienstbereichen begünstigen.
Fast 94 Prozent der Patientinnen und Patienten mit Polytrauma beziehungsweise schwerer Verletzung und vitaler Gefährdung wurden in eine geeignete Zielklinik transportiert. Eine Anmeldung erfolgte bei etwas mehr als 96 Prozent der Transporte.
Akute neurologische Notfälle: Versorgung verbessert, Zeitvorgaben verfehlt
Bei Patientinnen und Patienten mit Hirninfarkt, TIA, intrazerebraler Blutung oder Subarachnoidalblutung wurden die Rechenregeln für das Datenjahr 2025 angepasst. Eine veränderte Grenze bei der Sauerstoffsättigung führte zu deutlichen Veränderungen gegenüber dem Vorjahr.
Bei Notarzteinsätzen stieg der Erreichungsgrad auf 78,5 Prozent, bei Einsätzen ohne Notarztbeteiligung auf 62,2 Prozent. Gleichzeitig blieb die Prähospitalzeit problematisch. Das Ziel von maximal 60 Minuten wurde bei Notarzteinsätzen in knapp 63 Prozent, bei Einsätzen ohne Notarztbeteiligung in 71 Prozent der Fälle erreicht. Beide Werte lagen damit leicht unter dem Vorjahresniveau.
Eine geeignete Zielklinik wurde bei Notarztbeteiligung in 95 Prozent und ohne Notarztbeteiligung in 97,6 Prozent der Fälle angesteuert.
Atemnot: Notarzteinsätze auf Vorjahresniveau
Bei der leitliniengerechten Versorgung von Patientinnen und Patienten mit Atemnot wurden ebenfalls inhaltliche Anpassungen vorgenommen. Die Vergleichbarkeit mit dem Vorjahr ist deshalb eingeschränkt.
Bei Notarzteinsätzen lag der Erreichungsgrad mit 82,1 Prozent exakt auf dem Vorjahresniveau. Bei Einsätzen ohne Notarztbeteiligung stieg er um 1,8 Prozentpunkte auf 72,3 Prozent.
Als häufigste Gründe für eine Nichterfüllung nennt der Bericht die fehlende Temperaturmessung und eine fehlende Sauerstoffgabe bei Einsätzen mit Notarztbeteiligung. Bei Einsätzen ohne Notarzt waren insbesondere eine fehlende Temperaturmessung und ein unvollständiges Standardmonitoring ursächlich.
Sepsis: Prähospitalzeit bleibt problematisch
Bei Sepsis wurde die maximale Prähospitalzeit von 60 Minuten lediglich bei knapp 43 Prozent der Einsätze mit Notarzt und bei etwas mehr als 48 Prozent der Einsätze ohne Notarzt erreicht.
Gegenüber dem Vorjahr bedeutet dies einen Rückgang des Erreichungsgrades um 5,6 Prozent beziehungsweise 0,5 Prozent.
Auch bei der Sepsis zeigt sich ein deutlicher Einfluss der Notarztnachforderung. Bei einer primären Alarmierung des notarztbesetzten Rettungsmittels wurde die Zielklinik mehr als dreimal so häufig innerhalb einer Stunde erreicht wie bei einer Notarztnachforderung.
Die SQR-BW weist zugleich auf eine methodische Einschränkung hin: Die präklinische Sepsisdiagnose kann nicht durch eine korrespondierende klinische Diagnose bestätigt werden. Dadurch können sich Fehlklassifikationen ergeben, die das Ergebnis des Indikators beeinflussen.
Herz-Kreislauf-Stillstand erstmals mit Reanimationserkennung
Der Anteil der Herz-Kreislauf-Stillstände bei Notarzteinsätzen stieg in Baden-Württemberg auf 6,6 Prozent. Die Quote durchgeführter Reanimationen lag bei 42,8 Prozent und damit ungefähr auf dem Niveau des Vorjahres.
Neu aufgenommen wurde für das Berichtsjahr 2025 der Indikator Reanimationserkennung. Erfasst wird, in welchem Anteil der Reanimationssituationen die Leitstelle bereits bei der initialen Rettungsmittelentsendung anhand des Einsatzstichworts eine Reanimationssituation erkannt hatte.
Der Landeswert liegt bei nahezu 65 Prozent. Zwischen den einzelnen Leitstellen bestehen allerdings erhebliche Unterschiede.
Bei der Kapnometrie wurde mit fast 95 Prozent ein deutlich höherer Dokumentationswert als im Vorjahr erreicht. Aufgrund einer veränderten Grundgesamtheit ist der Vergleich mit früheren Berichtsjahren allerdings nur eingeschränkt möglich.
Die ROSC-Rate zum Zeitpunkt der Klinikaufnahme lag bei 33,8 Prozent. Dabei zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang mit dem initialen EKG-Befund: Bei Kammerflimmern war die Wahrscheinlichkeit eines ROSC höher als bei pulsloser elektrischer Aktivität oder initialer Asystolie.
Besonders niedrig war beim Herz-Kreislauf-Stillstand der Anteil der Fälle mit einer Prähospitalzeit von weniger als einer Stunde. Dieser lag bei lediglich 37,0 Prozent.
Schmerzreduktion: Kompetenz der Notfallsanitäter sichtbar
Beim Indikator Schmerzreduktion wurden Fälle mit ST-Hebungsinfarkt und akutem Koronarsyndrom aufgrund von Leitlinienanpassungen aus der Grundgesamtheit herausgenommen. Dadurch wurde die Vergleichbarkeit mit den Vorjahren insbesondere bei Notarzteinsätzen erheblich eingeschränkt.
Der Erreichungsgrad lag bei Notarzteinsätzen bei 92,7 Prozent und damit nahezu auf Vorjahresniveau. Bei Einsätzen ohne Notarztbeteiligung stieg der Wert dagegen um 8,8 Prozent auf 63,8 Prozent.
Die SQR-BW bewertet diese Entwicklung als Ausdruck einer zunehmenden Kompetenzstärkung und Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten von Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitätern. Gleichzeitig bestehen zwischen den Rettungsdienstbereichen weiterhin erhebliche Unterschiede: Die Erfüllungsquote variierte bei Einsätzen ohne Notarztbeteiligung zwischen 46 Prozent und etwas mehr als 84 Prozent.
Dokumentation bleibt zentrale Voraussetzung für belastbare Qualitätsdaten
Der Qualitätsbericht macht zugleich deutlich, dass die Aussagekraft einzelner Indikatoren weiterhin durch Dokumentations- und Exportprobleme beeinflusst wird. Neben den nicht behobenen Abweichungen von der MIND-Konformität wurden 2025 bei mehreren Indikatoren die Rechenregeln oder Grundgesamtheiten angepasst.
Damit sind Veränderungen gegenüber dem Vorjahr nicht in allen Fällen unmittelbar als tatsächliche Qualitätsverbesserung oder -verschlechterung zu interpretieren. Der Bericht unterstreicht vielmehr die Bedeutung standardisierter und vollständiger Dokumentationsprozesse für eine belastbare Qualitätssicherung im Rettungsdienst.




