Marburger Bund fordert strengere Maßnahmen gegen Machtmissbrauch in Kliniken
Arbeitsbedingungen im Kliniksektor: Ärztegewerkschaft spricht sich für unabhängige Beschwerdestellen und neue Führungskonzepte aus
Die Marburger Bund hat sich auf ihrer 147. Hauptversammlung mit großer Mehrheit für umfassende Maßnahmen gegen Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung in Krankenhäusern ausgesprochen. Grundlage der Beschlüsse ist eine bundesweite Mitgliederbefragung unter mehr als 9.000 angestellten Ärztinnen und Ärzten, die auf strukturelle Probleme in Klinikorganisationen und Führungskulturen hinweist.
Nach Angaben des Marburger Bundes zeigen die Ergebnisse der Befragung, dass Grenzüberschreitungen und sexuelle Belästigungen im Krankenhausalltag vielfach wiederholt auftreten und für Betroffene erhebliche persönliche sowie berufliche Folgen haben können. Gleichzeitig werde ein großer Teil der Vorfälle nicht gemeldet. Als Gründe nennt die Ärztegewerkschaft mangelndes Vertrauen in wirksame Konsequenzen, die Sorge vor beruflichen Nachteilen sowie fehlende unabhängige Anlaufstellen.
In ihrem Beschluss kritisiert die Hauptversammlung hierarchische Strukturen und persönliche Abhängigkeiten innerhalb des Kliniksystems. Diese könnten Machtmissbrauch und problematische Führungskulturen begünstigen. Krankenhäuser seien deshalb aufgefordert, gemeinsam mit Beschäftigten Leitbilder und verbindliche Schutzkonzepte zu entwickeln, die ein klares Vorgehen gegen Grenzüberschreitungen festschreiben.
Konkret fordert der Marburger Bund flächendeckende und organisatorisch unabhängige Beschwerdestellen in allen Krankenhäusern. Diese sollen für Mitarbeitende vertraulich erreichbar sein und außerhalb direkter Einflussmöglichkeiten der Klinikgeschäftsführungen arbeiten. Ergänzend werden zusätzliche anonyme Meldemöglichkeiten gefordert, da bestehende Hinweisgebersysteme aus Sicht der Gewerkschaft häufig keine vollständige Anonymität gewährleisten.
Darüber hinaus spricht sich die Hauptversammlung für regelmäßige Sensibilisierungs- und Fortbildungsmaßnahmen aus. Themen wie Teamkultur, Konfliktmanagement sowie innerbetriebliche Meldestrukturen sollen verbindlich vermittelt werden. Auch Mitarbeitervertretungen sollen gezielt geschult werden, um Betroffene besser unterstützen zu können.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Führungskultur in Krankenhäusern. Der Marburger Bund fordert verpflichtende Qualifizierungsmaßnahmen für ärztliche Führungskräfte mit stärkerem Fokus auf Teamfähigkeit und professionelle Personalführung. Gleichzeitig sollen alternative Führungsmodelle wie Jobsharing, Topsharing oder Tandemmodelle zwischen jüngeren und erfahrenen Ärztinnen und Ärzten stärker berücksichtigt werden.
Auch die Besetzung ärztlicher Leitungspositionen, insbesondere an Universitätskliniken, müsse transparenter und diskriminierungsfrei erfolgen. Nach Vorstellung der Ärztegewerkschaft sollen künftig neben fachlicher Qualifikation auch soziale Kompetenzen und Führungsfähigkeiten stärker in Auswahlverfahren einbezogen werden.
Mit den Beschlüssen verbindet der Marburger Bund die Forderung an Krankenhausträger, Politik und weitere Akteure im Gesundheitswesen, strukturelle Veränderungen im Umgang mit Machtmissbrauch und sexueller Belästigung konsequent voranzutreiben.




