Hartmannbund: Ärztliche Arbeitszeit im Krankenhaus muss neu gedacht werden

Schichtdienst, Überlastung und Teilzeit – Umfrage zeigt gravierende Belastungssituation

Die aktuelle Diskussion über mögliche Änderungen des Rechts auf Teilzeit lenkt nach Ansicht des Hartmannbundes von den eigentlichen Problemen in der stationären Versorgung ab: den strukturell belastenden Arbeitsbedingungen von Krankenhausärztinnen und -ärzten. Eine neue Umfrage mit 741 Teilnehmenden verdeutlicht, wie hoch die Überlastung in der Praxis tatsächlich ist.


Die Ergebnisse zeigen: Rund ein Drittel der Befragten arbeitet formal in Teilzeit, leistet aber gleichzeitig regelmäßig mehr als 40 Stunden pro Woche, fast die Hälfte sogar über 55 Stunden. Teilzeitkräfte übernehmen damit oft zentrale Aufgaben als „Ausfallreserve“ bei kurzfristigen Personallücken.

„Teilzeit ist keine Frage der Bequemlichkeit, sondern für viele Ärztinnen und Ärzte die letzte Möglichkeit, unter den bestehenden Bedingungen arbeitsfähig zu bleiben“, erklärt Prof. Dr. Anke Lesinski-Schiedat, stellvertretende Vorsitzende des Hartmannbundes.

Die gesundheitlichen Folgen der Arbeitsbedingungen sind gravierend: 86 Prozent berichten über Erschöpfung, Stress, Schlafstörungen oder Konzentrationsprobleme, die stark mit Schicht-, Nacht- und Wochenendarbeit zusammenhängen. Gleichzeitig bewerten drei Viertel der Befragten ihre Vergütung als nicht fair, und mehr als die Hälfte sieht ihre Work-Life-Balance kritisch.

Der Hartmannbund fordert deshalb lebensphasenorientierte Arbeitszeitmodelle, die patientenferne Tätigkeiten digital unterstützen, Homeoffice-Anteile einbeziehen und schichtdynamische Vergütungsmodelle ermöglichen. Entscheidend seien neue Organisationsabläufe, unterstützt durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz, während allein arbeitszeitrechtliche Änderungen oder eine Infragestellung von Teilzeit die Belastung verschärfen würden.

Die Umfrage zeigt zudem, dass es kein einheitliches Dienstmodell gibt. Dienstpräferenzen variieren stark je nach Lebensphase, und besonders kritisiert werden Minusstunden, unbezahlte Aktivzeiten in Bereitschaftsdiensten sowie die hohe Belastung außerhalb der Kernarbeitszeiten.

Fast drei Viertel der Befragten könnten sich vorstellen, ihre Stelle wegen besserer Arbeitsbedingungen zu wechseln oder haben dies bereits getan. Lesinski-Schiedat und Völker betonen abschließend: „Die entscheidende Frage ist nicht, wie wir noch mehr Arbeitszeit aus einem überlasteten System herauspressen, sondern wie Ärztinnen und Ärzte gesund arbeiten und eine hochwertige Patientenversorgung in sinnvollen Arbeitszeitstrukturen sicherstellen können.“

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