Meilenstein im Norden: Schleswig-Holstein schließt erste Runde der Regionalgespräche zur Krankenhausreform ab
Ministerium legt Planungsstand für sechs Versorgungsregionen vor – Verbindliche Zuweisungsbescheide für Leistungsgruppen folgen im Dezember 2026
Das Ministerium für Justiz und Gesundheit in Kiel hat zum 1. Juli 2026 eine erste Zwischenbilanz zur Umsetzung der bundesweiten Krankenhausreform in Schleswig-Holstein vorgelegt. Nach dem erfolgreichen Abschluss der ersten Runde von Regionalgesprächen zeichnen sich die zukünftigen Strukturen der Kliniklandschaft im nördlichsten Bundesland in ihren Grundzügen ab. Wie Gesundheitsministerin Kerstin von der Decken im Rahmen eines Pressegesprächs betonte, zielt das gemeinsame Verfahren mit den Kliniken, der Krankenhausgesellschaft (KGSH) sowie den Landesverbänden der Krankenkassen darauf ab, die neuen bundeseinheitlichen Qualitätsvorgaben mit der flächendeckenden Versorgungssicherheit in Einklang zu bringen. Der formelle Zeitplan sieht vor, dass die Krankenhäuser im Dezember 2026 ihre verbindlichen Zuweisungsbescheide für die jeweiligen Leistungsgruppen erhalten, um den gesetzlichen Start zum 1. Januar 2027 abzusichern.
Das neue Planungssystem löst die bisherige Steuerung über Bettenzahlen und Fachabteilungen ab und ersetzt sie durch 61 differenzierte Leistungsgruppen, die an strikte personelle, apparative und strukturelle Mindestanforderungen gekoppelt sind. Die schleswig-holsteinische Planung fußt dabei auf einer vertikalen Systematik, die Leistungen je nach Komplexität steuert: Während die Grund- und Basisnotfallversorgung (z. B. Allgemeine Innere Medizin, Geriatrie) auf Kreisebene verortet bleibt, werden spezialisierte Angebote (z. B. Geburtshilfe, Kinderheilkunde, Stroke Units) auf Ebene von sechs neu definierten Versorgungsregionen gebündelt. Hochspezialisierte Eingriffe wie die Herzchirurgie verbleiben auf Landesebene oder werden in länderübergreifenden Kooperationen (z. B. seltene Transplantationen) organisiert.
Der aktuelle Verfahrensstand im Überblick
Insgesamt haben die schleswig-holsteinischen Kliniken Ende 2025 rund 850 Anträge auf Zuweisung von Leistungsgruppen eingereicht. Das ministerielle Verfahren durchläuft nun folgende Phasen:
Bis Ende Juli 2026: Der Medizinische Dienst Nord (MD Nord) prüft die Erfüllung der bundesweit festgelegten Strukturvoraussetzungen an den einzelnen Standorten.
Ab Spätsommer 2026: Das Ministerium spiegelt die Prüfergebnisse des MD Nord mit den historischen Leistungsdaten der Kliniken aus dem Jahr 2025 und startet die zweite Runde der Regionalgespräche sowie Abstimmungen mit den Kostenträgern.
Herbst 2026: Durchführung von Regionalkonferenzen unter Einbindung der kommunalen Spitzen und Akteure der betroffenen Versorgungsregionen.
Dezember 2026: Offizielle Übermittlung der Zuweisungs- und Feststellungsbescheide inklusive der Verhandlung eventueller Übergangsregelungen.
Die regionalen Strukturentwürfe (Stand: Juli 2026)
Der ministerielle Ausblick skizziert für die sechs Versorgungsregionen bereits konkrete Schwerpunktbildungen, Kooperationen und Strukturänderungen:
Versorgungsregion West (Nordfriesland, Dithmarschen, Helgoland): Das Westküstenklinikum (WKK) in Heide wird als zentraler Schwerpunktversorger gestärkt. Der WKK-Standort Brunsbüttel sowie die Inselstandorte auf Föhr und Helgoland werden zu modernen, sektorenübergreifenden Versorgern an der Schnittstelle zur ambulanten Pflege transformiert. Im Bereich der planbaren Endoprothetik steht aufgrund räumlicher Nähe eine Auswahlentscheidung zwischen dem Klinikum Nordfriesland (Husum) und der Klinik Dr. Winkler bevor.
Versorgungsregion Süd-West (Pinneberg, Steinburg, Norderstedt): Das Klinikum Itzehoe fungiert als zentraler Notfallanker. Die Regio Kliniken in Pinneberg und Elmshorn steuern auf das geplante Zentralklinikum zu; bis zur Fertigstellung müssen Doppelstrukturen abgebaut werden. In Norderstedt zeigt sich der ambulante Wandel: Die Kardiologische Klinik Norderstedt verlagert ihre stationäre Kardiologie an die Paracelsus-Klinik Henstedt-Ulzburg und fokussiert sich selbst auf ein breites tagesklinisch-ambulantes Angebot.
Versorgungsregion Nord-Ost (Schleswig-Flensburg, Rendsburg-Eckernförde, Flensburg): Am Peelwatt in Flensburg entsteht der große Klinikneubau (Zusammenführung von Malteser Fördeklinikum und Diako). Die Schön Klinik Rendsburg übernimmt das größte stationäre Notfallvolumen im Süden. Das Helios Klinikum Schleswig sichert in Kooperation mit Nordfriesland die zeitkritische Schlaganfallversorgung über eine TeleStroke-Unit. Kappeln wird zum sektorenübergreifenden Versorger, Eckernförde fokussiert sich geriatrisch.
Versorgungsregion Mitte (Kiel, Neumünster, Plön, Segeberg-Teil): Die hochkomplexe Maximalversorgung wird im Dreiklang aus UKSH Kiel, Städtischem Krankenhaus Kiel und dem Friedrich-Ebert-Krankenhaus Neumünster konzentriert und profiliert. Das Klinikum Preetz stärkt die Basisnotfallversorgung und baut die Geriatrie aus. Fachkliniken wie das Lubinus Clinicum, die Schmerzklinik Kiel oder die Park Klinik (Mamma-Chirurgie) sichern ihre Nischen. Aufgrund hoher Standortdichte wird es in Kiel in der Endoprothetik zu harten Auswahlentscheidungen kommen. Rein ambulante Strukturen wie die Praxisklinik Kronshagen oder die Klinik Klosterstraße (Neumünster) qualifizieren sich voraussichtlich nicht für stationäre Leistungsgruppen und werden in ambulante OP-Zentren oder MVZ überführt.
Versorgungsregion Ost (Ostholstein, Plön, Segeberg-Teil): Die Schwerpunktversorger in Neustadt, Eutin und Bad Segeberg teilen sich die Notfallversorgung auf. Die Segeberger Kliniken halten die kardiologische Schlüsselrolle. Nach der Trägerentscheidung, die stationären Kapazitäten von Fehmarn nach Oldenburg (AMEOS) zu verlagern, prüft das Land zur Absicherung der insularen Notfallversorgung den Ausbau der Luftrettung. Das Sankt Elisabeth Krankenhaus (Eutin) bleibt Säule der Geriatrie.
Versorgungsregion Süd (Herzogtum Lauenburg, Stormarn, Lübeck): In Geesthacht etabliert sich bereits ein sektorenübergreifendes Konzept. Das St. Adolf Stift in Reinbek erfährt durch das neue Integrierte Notfallzentrum (Eröffnung im Herbst 2026) und die neue Neurologie eine erhebliche Aufwertung. In Lübeck tragen das UKSH und die Sana Kliniken die komplexe Notfallversorgung. Die Praxisklinik Travemünde verliert ihren stationären Status und wird zu einer rein ambulanten Facharztstruktur rückgebaut, um die umliegenden Standorte zu stärken.




