Krankenhausreform unter Druck: AOK-Report sieht hohe Ambulantisierungspotenziale und Reformlücken
Krankenhaus-Report 2026 zieht kritische Zwischenbilanz zur Klinikreform – NRW dient als „Lackmustest“ für Leistungsgruppen und Strukturumbau
Die aktuelle Krankenhausreform in Deutschland setzt nach Einschätzung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) wichtige Impulse, weist jedoch weiterhin erhebliche strukturelle Schwächen auf. Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle „Krankenhaus-Report 2026“. Im Mittelpunkt der Analyse stehen die Auswirkungen der Reformgesetze KHVVG und KHAG auf Versorgungsstrukturen, Finanzierung und Ambulantisierung.
Besonders kritisch bewertet der Report die zahlreichen Lockerungen, die mit dem Krankenhausreform-Anpassungsgesetz (KHAG) eingeführt wurden. Während das ursprüngliche Krankenhausversorgungs-Verbesserungsgesetz (KHVVG) auf verbindliche Strukturvorgaben und Qualitätsorientierung setzte, habe das KHAG viele dieser Regelungen wieder abgeschwächt. Dadurch drohe sich der notwendige Umbau der Krankenhauslandschaft deutlich zu verlangsamen.
Als zentrales Beispiel analysiert der Report die Krankenhausplanung in Nordrhein-Westfalen, die bereits frühzeitig auf Leistungsgruppen umgestellt wurde und als Vorlage für die bundesweite Reform gilt. In spezialisierten Leistungsbereichen wie Orthopädie, Gefäßchirurgie oder Onkologie habe die Konzentration von Leistungen deutliche Auswirkungen gezeigt. Bei Hüftoperationen reduzierte sich die Zahl der operierenden Standorte laut Report von 247 auf 137 Einrichtungen.
Weniger Veränderungen seien dagegen in der Grund- und Regelversorgung sichtbar. Gerade in den Bereichen Allgemeine Innere Medizin und Allgemeine Chirurgie, in denen ein erheblicher Anteil stationärer Leistungen erbracht wird, seien bislang kaum strukturelle Anpassungen erfolgt. Dies sei aus Sicht der Autoren besonders problematisch, da dort zugleich das größte Potenzial für eine Verlagerung in den ambulanten Bereich gesehen werde.
Nach Berechnungen des WIdO könnten bundesweit rund 8,6 Millionen stationäre Fälle ambulant behandelt werden. Dies entspreche mehr als der Hälfte aller Krankenhausbehandlungen im Jahr 2024. Bezogen auf Krankenhauskapazitäten beträfe dieses Potenzial rund 40 Prozent der heutigen Belegungstage und Ausgaben. Die Autoren warnen, dass Personal und finanzielle Ressourcen weiterhin in stationären Strukturen gebunden würden, obwohl diese angesichts des Fachkräftemangels und der demografischen Entwicklung an anderer Stelle benötigt würden.
Auch die aktuelle Ausgestaltung der Vorhaltevergütung wird kritisch bewertet. Zwar sei der Ansatz grundsätzlich sinnvoll, Kliniken unabhängiger von Fallzahlen zu finanzieren. Tatsächlich bleibe die Vergütung jedoch weiterhin eng an historische Fallzahlen und den Case-Mix gekoppelt. Dadurch werde die bisherige Mengenlogik fortgeschrieben, statt echte Strukturveränderungen anzureizen.
Ein weiteres Schwerpunktthema des Reports ist das Pflegebudget. Seit Einführung der Selbstkostendeckung für Pflegepersonalkosten im Jahr 2020 sei die Zahl der Pflegekräfte in Krankenhäusern deutlich gestiegen – von rund 297.000 auf 350.000 Beschäftigte im Jahr 2024. Parallel dazu hätten sich die Pflegekosten erheblich erhöht. Gleichzeitig fehle jedoch bislang ein messbarer Effekt auf die Versorgungsqualität oder die Einhaltung von Personaluntergrenzen. Zudem beobachtet der Report eine zunehmende Verschiebung von Pflegepersonal aus der Langzeitpflege in die Krankenhäuser.
Die Autoren kommen zu dem Fazit, dass die Krankenhausreform zwar eine wichtige Grundlage für zukünftige Strukturveränderungen geschaffen habe, jedoch weiterhin erheblicher Nachsteuerungsbedarf bestehe. Ohne verbindlichere Ambulantisierungsstrategien, eine konsequentere Qualitätsorientierung und eine grundlegende Reform der Krankenhausfinanzierung drohten bestehende Fehlanreize fortgeschrieben zu werden.




